Wirtschaftskrise in Spanien Generation Nesthocker

Die Wirtschaftskrise in Spanien trifft vor allem die jungen Menschen. Immer mehr von ihnen müssen bei ihren Eltern bleiben, weil sie keine Arbeit und keine Wohnung finden.

Von Thomas Urban

"Yo no pago" - "ich zahle nicht", haben Unbekannte auf den früheren Siegesbogen des Generalissimus Franco im Madrider Regierungs- und Universitätsviertel Moncloa gesprüht, der heute "Bogen der Eintracht" heißt. "Yo no pago" steht auf Transparenten der Universität sowie auf Flugblättern der Hausbesetzer an der Plaza de España im Zentrum. Der Spruch ist eine Antwort auf das drastische Sparprogramm unter dem seit Ende 2011 amtierenden konservativen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy, mit dem dieser den Staatsbankrott abwenden möchte.

In Barcelona gehen die Menschen auf die Straße, um gegen die Kürzungen im Bildungsbereich zu protestieren.

(Foto: dpa)

Denn Spanien steckt in einer gigantischen Schuldenkrise: Nicht nur alle Verwaltungsebenen sind verschuldet - Gemeinden, Regionen, Zentralregierung -, sondern auch ein Großteil der Privathaushalte. Die meisten Banken sind in Schieflage geraten, weil mehr als die Hälfte der von ihnen gewährten Kredite nun als gefährdet gelten.

Die Folgen sind verheerend

Die Folgen sind vor allem für die junge Generation von 16 bis 29 Jahren einschneidend: 920.000 junge Spanier sind arbeitslos, das sind 53 Prozent der Altersgruppe, Rekord in der Europäischen Union. Nur ein Fünftel der Jungakademiker findet eine der Ausbildung entsprechende Anstellung, dies meist nur befristet und mit einem miserablen Anfangsgehalt von kaum mehr als 1000 Euro - mileuristas nennt man sie deshalb. Dafür steigen der Drogenkonsum und die Jugendkriminalität.

Madrider Wirtschaftsexperten sehen, mit unterschiedlichen Akzenten, zwei hausgemachte Hauptursachen für die Misere: Zunächst hat die bis 2004 regierende konservative Volkspartei (PP) unter José Maria Aznar durch die Liberalisierung des Bodenrechts einen gewaltigen Bauboom ausgelöst, der zur Zersiedlung weiter Landstriche führte. Trotz aller warnenden Stimmen dämmte sein Nachfolger, der Sozialist José Luis Zapatero, diesen Bauwahn nicht ein, vielmehr wurde er in seiner Regierungszeit sogar noch angeheizt - bis 2007 die Immobilienblase platzte. Überdies hat Zapatero für seine Sozial- und Bildungsprogramme gigantische Staatsschulden angehäuft, die nun den Staat an den Rand der Zahlungsunfähigkeit gebracht haben.

Die Politik erst der Konservativen, dann der Sozialisten hatte gerade für die junge Generation besondere Auswirkungen: Da die Baubranche überaus attraktive Löhne zahlte, drängte ein Großteil der Abiturienten in die bautechnischen Institute. Ebenso konnten sich Dachdecker, Installateure, Elektriker, Wohnungsdesigner, Gärtner kaum vor Auszubildenden retten. Ein nicht geringer Teil der Jugendlichen verzichtete gar auf den Schulabschluss, weil man schon als Handlanger auf dem Bau kräftig verdiente. So wuchs eine ganze Generation weitgehend sorgenfrei auf - bis mit dem Zusammenbruch der Baubranche offenbar wurde, dass das Wirtschaftswunder zum großen Teil auf Pump zustande gekommen war. Nun stehen Scharen von Bautechnikern Schlange vor den Arbeitsämtern, die Ungelernten haben erst recht keine Chance, in absehbarer Zeit irgendeine Anstellung zu finden.

Am Bedarf vorbei ausgebildet

Zu dem Heer der Arbeitslosen gesellen sich die Hochschulabsolventen, die zwar einen Titel vorweisen können, aber weder von Wirtschaft noch Verwaltung gebraucht werden. Ganz offenkundig haben das Bildungsministerium und die Universitäten während der vergangenen Jahre jegliche Arbeitsmarktstudien ignoriert. Der ohnehin teure Bildungsapparat wurde weiter ausgebaut und aufgebauscht, Spanien stieg in die Spitzengruppe der EU-Staaten auf, was den Anteil der Hochschulabsolventen eines Jahrgangs angeht.

Doch eine qualifizierte Arbeit findet nur ein Bruchteil von ihnen, die anderen haben keinen Anspruch auf irgendwelche Hilfe vom Staat, denn sie haben ja noch nicht gearbeitet. Entsprechend steigen die Zahlen junger Auswanderer mit Diplom: Nach dem zentralen Statistikamt haben etwa 40 000 im vergangenen Jahr Spanien den Rücken gekehrt. Bevorzugte Ziele: das spanischsprachige Lateinamerika oder die Länder nördlich der Alpen, wo es allerdings die Sprachhürde zu überwinden gibt. Der Fremdsprachenunterricht aber gilt als eine der schwächsten Seiten des spanischen Bildungssystems. Immerhin hat die deutsche Regierung signalisiert, dass junge spanische Ingenieure, Informatiker und Chemiker sehr willkommen seien.

Zu den Folgen für die "verlorene Generation", wie sie nun in den Leitartikeln heißt, gehört der Aufschub der Emanzipation vom Elternhaus: Wer schlecht oder überhaupt nicht verdient, kann sich keine eigene Wohnung leisten. Nach einer Untersuchung der Sparkasse La Caixa wohnen mehr als zwei Drittel der jungen Leute zwischen 20 und 29 Jahren bei den Eltern. Noch unter Zapatero hatte es für die junge Generation Wohngeld gegeben, damit sie früher auszieht; der Posten fiel in dem Sparprogramm Rajoys fast vollständig fort. In den vergangenen zwölf Monaten hat laut der Untersuchung der Anteil der Nesthocker um ein Fünftel zugenommen - auch hier ist Spanien nun europäischer Spitzenreiter.

Immerhin hat die Regierung im Rahmen ihrer Arbeitsmarktreform Steuernachlässe für kleine und mittlere Unternehmen beschlossen, die Arbeitslose bis zu 29 Jahren einstellen. Auch wurde das Zulassungssystem für Jungunternehmer vereinfacht: Sie müssen den Behörden nur die Eröffnung eines Geschäfts oder Betriebs mitteilen, die Überprüfungen finden erst statt, wenn die Firma bereits läuft, wobei die Betriebsfläche bei der "Expressgenehmigung" 300 Quadratmeter nicht überschreiten darf. Doch bislang kann die Regierung nur darauf verweisen, dass sich der Anstieg der Arbeitslosigkeit deutlich verlangsamt hat. Die meisten Madrider Zeitungen aber erwarten einen "heißen Herbst", besonders auch mit Protestaktionen junger Spanier unter dem Motto "Yo no pago".