Millionen Deutsche sind in den vergangenen Jahren aus Ostdeutschland abgewandert. Jetzt buhlen die neuen Bundesländer um ihre Rückkehr.

Seit der Wiedervereinigung schrumpft die Bevölkerung in Ostdeutschland. Schuld ist nicht nur der drastische Geburtenrückgang nach dem Ende der DDR, sondern auch die Abwanderung vor allem junger Leute. Seit 1991 haben mehr als 2,9 Millionen Menschen den Osten verlassen - nur etwas mehr als 1,9 Millionen sind zugewandert. Ganze Landstriche fernab der großen Städte bluten aus.

Werben um Fachkräfte: Päckchen aus dem Osten

Überraschung von Zuhause: Heimatschachteln sollen die abgewanderten Ostdeutschen an ihre Herkunft erinnern. (© Foto: photodisc)

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Nach Ansicht von Experten steckt aber gerade in Rückkehrern, die es nach Jahren wieder in die Heimat zieht, ein erhebliches Potenzial. "Die Bedeutung der Rückwanderung wurde bisher vernachlässigt, obwohl sie einen hohen Anteil der Zuzüge nach Ostdeutschland ausmacht", sagte Hans-Liudger Dienel vom nexus Institut am Donnerstag in Leipzig bei einer Abschlusstagung zu Forschungsprojekten, die sich mit der Bevölkerungsentwicklung befassten.

In den neuen Bundesländern gibt es inzwischen zahlreiche Rückkehrinitiativen und Rückwanderungs-Agenturen: Sie versorgen Abgewanderte nicht nur mit Informationen über das kulturelle und politische Geschehen in der Heimat, um die Bindung nach Hause aufrecht zu erhalten. Seit März 2006 erhalten zum Beispiel alle junge Abwanderer aus Magdeburg eine "Heimatschachtel" mit Gutscheinen für Sportveranstaltungen, Kneipen oder Festivals in der Stadt. Die Agenturen bieten aber auch gezielt offene Stellen an.

Das Heimweh

Die Internetagentur "mv4you" in Mecklenburg-Vorpommern beispielsweise holte in den vergangenen Jahren mehr als 300 Fachleute zurück in die Heimat, wie Projektleiterin Sabine Ohse berichtete. Seit 1990 verließen mehr als 200.000 überwiegend junge Menschen das Land, zumeist aus Perspektivlosigkeit. Dieser Fach- und Führungskräftemangel ist bereits deutlich spürbar. Bei der Agentur sind rund inzwischen 1500 Kunden der verschiedensten Berufe registriert. Der durchschnittliche "mv4you-Kunde" ist 34 Jahre alt, hat ein Studium absolviert und arbeitet derzeit in Berlin, Hamburg, Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg oder Niedersachsen. Die meisten geben Verbundenheit und Sehnsucht nach Mecklenburg-Vorpommern als Grund für ihren Rückkehrwunsch an.

Allein in Magdeburg sind inzwischen 30 Prozent der Zuwanderer Rückkehrer. In ländlichen Regionen sei der Anteil mit bis über 50 Prozent noch viel höher. Viele Rückkehrer wollen dauerhaft in der Heimat bleiben und nehmen eher als "echte" Zuwanderer auch eine Verschlechterung ihrer Arbeitssituation in Kauf, so das Ergebnis einer in Leipzig vorgelegten Studie. Für 60 Prozent der befragten Rückwanderer waren private Gründe ausschlaggebend für die Heimkehr.

Es geht in Ostdeutschland aber nicht nur darum, verlorene Landeskinder zurückzuholen, sondern überhaupt zum Bleiben zu bewegen. Dazu sind natürlich in erster Linie Arbeitsplätze nötig.

Die Uni-Oma

Potenzial sehen die Experten aber auch bei den Hochschulen und Universitäten. Familienfreundliche Hochschulen könnten sich aus ihrer Sicht als Standortvorteil erweisen. Studierende Eltern seien deutlich sesshafter als Kinderlose. Nur 30 Prozent der befragten "akademischen Eltern" wollen demnach ihren Studienort verlassen, bei den Kinderlosen sind es doppelt so viele. Die Universitäten könnten "mit einigen wenigen gezielten Maßnahmen" kluge Köpfe in den Osten locken, statt sie in Richtung Westen zu verlieren, betonte Dienel. Als Beispiele nannte er spezielle Kinderzimmer und "Universitätsgroßmütter" zur Betreuung der Kleinen. Auch sollten Studenten mit Kind die Studiengebühren erlassen werden.

Steffen Krönert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung dämpft hingegen allzu hohe Erwartungen. "Mit Rückwanderungsinitiativen kann der Bevölkerungsverlust im Osten weder gestoppt noch umgekehrt werden", betonte er. Zwei Drittel des Bevölkerungsverlustes entsteht allein durch den Sterbefallüberschuss; es sterben mehr Menschen als Kinder geboren werden. Dennoch seien die Initiativen wichtig, um vor allem qualifizierte Menschen zur Rückkehr in die Heimat zu animieren. Es zähle aber nicht allein Quantität, sondern Qualität. "Nötig sind vor allem gut ausgebildete Fachkräfte", sagt Krönert.

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(AFP, von Andrea Hentschel)