Die Stiftung Warentest nimmt Workshops, Seminar-Datenbanken und Lernsoftware unter die Lupe.
Nach vier Stunden gibt auch der letzte Seminarteilnehmer auf. An der Tafel reihen sich Zahlenkolonnen aneinander, am Flipchart häufen sich Kärtchen und Pfeile. Der Seminarleiter eines Kurses für angehende Existenzgründer doziert über einen Finanzierungs- und Kapitalbedarfsplan, doch keiner hört ihm zu. Sogar der Teilnehmer, dessen eigene Geschäftsidee als Beispiel für die Erstellung des Plans dient, kann den Ausführungen des Dozenten nicht mehr folgen. Sechs Stunden muss er noch durchhalten, dann ist das Seminar endlich vorbei.
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Was der Dozent nicht weiß: Er hatte es mit einem verdeckten Tester zu tun. Geschickt hatte ihn das Berliner Büro der Stiftung Warentest. Mit finanzieller Unterstützung der Bundesregierung prüfen seit rund einem Jahr ein Dutzend interne und etliche externe Mitarbeiter Seminare und Beratungsstellen, Weiterbildungsdatenbanken und Selbstlernprogramme.
Nicht bewertbar
Begonnen wurde mit Existenzgründerkursen im Raum Brandenburg-Berlin. Den Qualitätstest lässt sich die Regierung einiges kosten: Bis zum Jahr 2005 fließen rund sechs Millionen Euro in das Projekt. Die eine Hälfte kommt vom Bundesbildungsministerium, die andere aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds. Geplant sind rund 60 Testreihen. Zwölf davon können bereits unter www.weiterbildungstests.de gegen Gebühr heruntergeladen oder in den Publikationen Test und FinanzTest nachgelesen werden.
Die Noten für die ExistenzgründerSeminare im Raum Berlin-Brandenburg sind durchwachsen: Von 23 Kurzzeit-Seminaren hatten nur fünf eine hohe Qualität, sieben lagen im mittleren Bereich, neun im niedrigen und eines im sehr niedrigen. Ein weiterer Kurs war nicht bewertbar. Von sechs Langzeit-Seminaren erhielt eines die Note "sehr gut", vier wurden als "gut" und eines als "eher nicht gut" bewertet.
"Teuer ist nicht immer gut", resümiert Walther Kösters, Abteilungsleiter bei der Stiftung Warentest Berlin. So stellten seine Mitarbeiter fest, dass Existenzgründerseminare von Volkshochschulen teils besser abschnitten als die von privaten, teuren Anbietern. "Wir wollen mehr Transparenz in den undurchsichtigen Markt bringen und dem Verbraucher helfen, sich zurechtzufinden", sagt Kösters. Immerhin sind 35.000 Unternehmen mit einem Angebot von rund 40.0000 Kursen, Seminaren und Workshops auf dem riesigen, unübersichtlichen Markt vertreten, auf dem jährlich rund 40 Milliarden Euro erwirtschaftet werden. Kein Wunder, dass sich in der Weiterbildungsszene auch dubiose Anbieter tummeln.
Schleichwerbung im Seminar
"Wir wollen dem Verbraucher einen Leitfaden an die Hand geben, mit dem er selbst in der Lage ist, kritische Fragen zu stellen und Qualität zu erkennen, denn wir können ja nicht bundesweit alle Seminare testen", sagt Kösters. "Uns geht es nicht nur darum, schwarze Schafe ausfindig zu machen, sondern auch den Anbietern zu zeigen, was sie aus Sicht der Verbraucher verbessern sollten." Nicht nur bei Shampoos, Kameras oder Müsliriegeln, auch im Bereich Bildung gebe es Qualitätskriterien. Die geschulten Tester stufen dabei unter anderem den Seminaraufbau und -ablauf, das Verhalten der Trainer und das Lehrmaterial ein.
Laut Stiftung Warentest zeigen sich die Mängel häufig schon im Detail: So wurden die Seminarteilnehmer einander nicht vorgestellt, der Kursleiter ging nicht auf Fragen ein oder erteilte ausschließlich Frontalunterricht, bei mehrwöchigen Kursen gab es Themenüberschneidungen. Registriert wurde auch Eigenwerbung durch Dozenten, die sonst als Steuer- oder Unternehmensberater, Banker oder Versicherungsmakler arbeiten. Oft ließen die Räume zu wünschen übrig. "Dunkle, miefige Kammern, in denen der Unterricht zuweilen gestört wurde", so Kösters. Auch bei der individuellen Beratung für Existenzgründer wurden eklatante Mängel festgestellt.
Das größte Manko: Die Berater setzten sich nicht ausreichend mit den unterschiedlichsten Geschäftsmodellen auseinander. Und im Bereich Weiterbildungsdatenbanken stellten die Tester fest, dass die präsentierten Daten zwar oft schön und übersichtlich aufbereitet waren, aber völlig veraltet.
(SZ vom 31.1.2004)
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