Schauspieler sind oft schlecht vorbereitet auf Jobs bei Film und TV.
Die Kamera ist unerbittlich. Gnadenlos erfasst sie jede Gefühlsregung, jeden Blick. Geht eine Szene daneben, wird sie wiederholt, bis sie sitzt. Je länger das Proben dauert, desto teurer wird die Produktion. Der Druck auf Schauspieler bei Film und Fernsehen ist daher groß - vor allem für jene, die bislang nur die Bühnenarbeit kennen. Dort ist die Arbeitssituation eine ganz andere. "Auf der Bühne lernt man zu senden, so dass man auch die achtzigste Reihe erreicht", sagt die Schauspielerin Christina Pfeiffer. Sprache, Mimik und Gestik seien betonter. Bühnenschauspieler müssten darauf achten, vor der Kamera nicht als "Rampensau" zu agieren. "Viele Kollegen haben dabei Schiffbruch erlitten."
Till Schweiger (© Foto: AP)
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Weil Christina Pfeiffer das Problem aus eigener Erfahrung kennt, hat sie 1995 das Camera-Acting-Centrum in Köln gegründet. Dort bietet sie ein dreimonatiges Training für arbeitslose Schauspieler an, das bis vor kurzem vom Arbeitsamt gefördert wurde. Pfeiffer verweist stolz auf eine Vermittlungsquote von 70 Prozent, und auch das Arbeitsamt bestätigt den Erfolg. Doch damit ist seit wenigen Wochen Schluss. "Der Markt ist nicht mehr aufnahmefähig", sagt Behördensprecher Wolfgang van Ooyen. Immer weniger Schauspieler hätten eine Chance auf dauerhafte Beschäftigung.
Nichts für Laien
Christina Pfeiffer hat aus der Not eine Tugend gemacht und mit ihrem Kollegen Bernd Capitain im Januar auch noch die Film-Acting-School in Köln eröffnet. Als bislang einzige Schule in Deutschland bildet sie ausschließlich für die Arbeit vor der Kamera aus. 18 Monate dauert der Lehrgang, pro Monat zahlen die Schüler 450 Euro. Grundlagenkenntnisse werden von den Bewerbern erwartet. "Wir nehmen keine Laien und bieten keinen Schauspielunterricht an", sagt Pfeiffer. 80 Prozent ihrer Schüler hätten eine traditionelle Schauspielschule abgebrochen, um sich besser auf die Arbeit vor der Kamera vorbereiten zu können.
Eine von ihnen ist Désirée Lamatz. "Der Film ist spannender für mich", sagt die 24-Jährige, die bereits mehrere kleine Nebenrollen im Fernsehen gespielt hat. Die Vorbereitung auf das Medium Film sei an ihrer ersten Schule viel zu kurz gekommen. Außerdem habe man dort ihre TV-Engagements nicht gern gesehen, sie galten im Vergleich zur Bühnenarbeit als minderwertig.
Diese Sicht der Dinge verkennt die Realität. Arbeitsplätze an Bühnen sind meist schlecht bezahlt, in Krisenzeiten werden zudem viele Stellen eingespart. Als Alternative bleibt da oft nur das Fernsehen, wo sich neben klassischen Filmrollen Verdienstmöglichkeiten in Werbung, Moderation und Synchronisation bieten.
An der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg hat man die Zeichen der Zeit erkannt. Im Studiengang "Medienspezifisches Schauspiel" kann man dort auch Seminare wie "Elektronische Aufzeichnung und Fernsehstudio" belegen. Ansonsten bieten deutsche Schauspielschulen meist nur vereinzelte Kamera-Übungen an. Dem Fernsehregisseur Severin Lohmer ist das Angebot in Deutschland zu dürftig. "Vielen Schauspielern fehlt die technische Erfahrung mit der Kamera", sagt er. In den USA seien viel mehr Schauspieler auf die Arbeit bei Film und Fernsehen vorbereitet. Lohmer hält die Film-Acting-School deshalb für eine gute Idee und gibt dort selbst Kurse zum Thema "Action".
Schulleiterin Christina Pfeiffer hat vor allem Dozenten aus der Praxis verpflichtet, so auch den Tatort-Regisseur Niki Stein. Zum Unterricht gehören neben der Grund- und Aufbauarbeit vor der Kamera eigene Trainingseinheiten für Soap Opera und Comedy. Die Abschlussarbeit ist ein 90-minütiger Film. Pfeiffer pflegt den Austausch mit zwei Filmschulen in den USA und hat Kontakte zu deutschen Casting-Agenturen aufgebaut. Ihren Schülern kann sie daher zuweilen kleine Nebenrollen in Aussicht stellen. Angesichts der momentanen Arbeitsmarktlage ist das für viele angehende Schauspieler schon ein Erfolg.
Genau 3171 arbeitslose Schauspieler führt die Bundesagentur für Arbeit in ihrer offiziellen Statistik Ende Februar. Wolfgang Klein vom Interessenverband deutscher Schauspieler (IDS) verweist jedoch auf die hohe Dunkelziffer und eine inoffizielle Arbeitslosenquote von knapp 25 Prozent. Viele Kollegen befänden sich in Umschulungen oder hielten sich mit irgendwelchen Jobs über Wasser. Insgesamt gibt es in Deutschland zwischen 10.000 und 15.000 Schauspieler, schätzt Klein. Genauer festlegen möchte er sich nicht: "Die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt." Schließlich dürfe sich jeder, der einmal irgendwo den Mimen gegeben habe, so nennen.
(SZ vom 13.3.2004)
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