Claudia Galle ist eine der Stipendiatinnen. Sie studiert berufsbegleitend, neben einem Vollzeitjob und als Mutter eines fünfjährigen Sohnes. Die Regensburgerin hat nach der Hauptschule Bekleidungsschneiderin gelernt und sich dann zur Bekleidungstechnikerin fortgebildet. Sie entwarf Modelle für Herrenkonfektion, und es ging ihr auf die Nerven, dass der Chef ihr vorhielt, sie habe keine Ahnung von den Kosten. Galle stachelte das an: In zweieinhalb Jahren machte sie nebenbei den technischen Betriebswirt. Und konnte fortan mitreden in Sachen Kalkulation.
Lesen, bis nachts um halb eins: Ein Studium neben dem Beruf bedeutet Arbeit und schlaflose Nächte. (© iStockphoto/Goldmund)
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Ihre jüngste Fortbildungsoffensive ist ein Wirtschaftsingenieur-Studium. Monatelang suchte sie eine Hochschule, an der man berufsbegleitend studieren kann. Bei einer der wenigen Adressen, die sie fand, eine hessische Hochschule, teilte man ihr am Telefon kurz und bündig mit, dass man keine Bayern ohne Abitur nehme. Bei der Hamburger Fernhochschule wurde Galle schließlich fündig. Seitdem kommt sie abends um sieben von der Arbeit, nimmt sich bis neun Uhr Zeit für ihren Sohn und sitzt dann bis halb eins am Schreibtisch. Das Studium an der Fernhochschule kostet 240 Euro im Monat. 140 Euro monatlich bekommt Galle als Stipendiatin.
Warum macht sie das, und warum versuchen diesen Spagat zunehmend mehr Berufstätige? "Ich will nicht stehenbleiben", sagt sie. "In meinem Ursprungsberuf gibt es kaum noch Stellen. Ohne Studium habe ich keine Chance. Und ich will einen vernünftigen Job in meiner Region." Ähnlich wie sie erklären viele Quereinsteiger ihre Motivation. Das Nürnberger Forschungsinstitut Betriebliche Bildung hat eine Befragung unter Quereinsteigern durchgeführt. Das Ergebnis: Es geht ihnen nicht in erster Linie um den beruflichen Aufstieg oder einen besseren Verdienst. Vielen ist wichtig, dass sie fachlich weiterkommen. Dass sie verantwortungsvollere Tätigkeiten übernehmen können. Dass sie flexibler sind und leichter neue Jobs finden. Und dass ihnen der Abschluss mehr Selbstbewusstsein gibt.
Thomas Freiling, im Nürnberger Institut zuständig für wissenschaftliche Weiterbildung, und seine Mitarbeiterin Dagmar Festner haben auf Basis der Befragung Empfehlungen an die Politik formuliert. Die erste lautet: Hürden für Quereinsteiger müssen abgebaut werden. Das Bestandspersonal der Firmen muss im Sinne einer modernen Personalentwicklung weiterentwickelt werden, die Betriebe sollen interne "Karrierepfade" etablieren. Zum Beispiel: Der Facharbeiter entwickelt sich zum Ingenieur. Voraussetzung dafür ist eine gute Beratung über die unterschiedlichen Studienmöglichkeiten. Arbeitsagenturen, Hochschulen, Kammern, aber auch die Betriebe selbst sind gefordert.
Ein weiterer Punkt ist der Ausbau von Finanzierungsangeboten auch für über 30-Jährige: Die Altersgrenzen mancher Förderprogramme sollten nach Ansicht von Freiling und Festner fallen, da auch Ältere studieren. Sie sehen auch die Unis gefordert, Modelle zu entwickeln, die der Lebenssituation von Quereinsteigern entsprechen, wie unterschiedliche Studiengeschwindigkeiten zuzulassen.
Eva Weller verdient heute, als Ingenieurin, nicht viel mehr als früher. Aber ihr Aufgabenbereich hat sich stark verändert, sie trägt mehr Verantwortung. "Allein dafür hat es sich gelohnt", sagt sie.
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(SZ vom 04.09.2010/holz)
Gewalt in Syrien