Wer sich als Berufstätiger nach Feierabend weiterbilden will, kann auf ein Aufstiegsstipendium des Bundesbildungsministeriums hoffen. Mit finanzieller Unterstützung und Engagement lässt sich auch ein Studium meistern.
Viel Mut machte ihr keiner. Eva Weller war 28 Jahre alt und hatte bereits zwei Ausbildungen absolviert, als sie beschloss, ein Ingenieurstudium dranzuhängen. Nach der Realschule hatte sie Bauzeichnerin gelernt, dann die staatlich geprüfte Technikerin draufgesetzt. Um an der Universität in Kassel, wo Weller wohnt, zum Studium zugelassen zu werden, musste sie eine Aufnahmeprüfung für "beruflich besonders Befähigte" ablegen. Die gibt es nur einmal jährlich, und sie hatte sie gerade verpasst. Im Jahr darauf begegnete man ihr kühl. Der Professor legte ihr lange Listen vor, was sie sich anzueignen habe. "Versuchen Sie's mal", signalisierte man ihr. "Aber das wird vermutlich nichts."
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Der einzige, der noch wach ist: Wer arbeitet und sich nebenher weiterbildet, braucht vor allem Disziplin. (© iStock)
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Heute steht vor Eva Wellers Namen ein Dipl. Ing., sie hat ihr Studium geschafft und arbeitet als Bauingenieurin, Schwerpunkt Wasserwesen. Weller, die ihr Diplom vor sieben Jahren gemacht hat, ist eine Vorzeige-Quereinsteigerin. Sie hat den Ehrgeiz, sich stets weiterzuentwickeln. Und praktiziert das, was Bildungspolitiker europaweit fordern: lebenslang zu lernen. Für Quereinsteiger wie sie gibt es seit zwei Jahren ein Aufstiegsstipendium, das ihnen den Weg zur Spitzenfachkraft ebnen soll. Denn der Wunsch nach beruflicher Weiterentwicklung scheitert hierzulande oft an bürokratischen und finanziellen Hürden.
Das deutsche Bildungssystem ist wenig durchlässig. Für lernwillige Berufspraktiker gibt es kaum Beratung, die Studienmöglichkeiten sind vielen unbekannt. Und an den Unis begegnet man den Seiteneinsteigern aus der Praxis oft wie Eva Weller: zunächst einmal ziemlich von oben herab. Das Bundesbildungsministerium hat deshalb 2008 das Programm "Aufstiegsstipendium" ins Leben gerufen. Musste Eva Weller noch alles selbst bezahlen, erhält man jetzt Unterstützung, nämlich für ein Vollzeitstudium 650 Euro sowie 80 Euro Büchergeld im Monat. Zuschüsse für Kinderbetreuung gibt es extra. Ein berufsbegleitendes Studium wird jährlich mit 1700 Euro gefördert.
Die Hälfte der Stipendiaten studiert berufsbegleitend. Mehr als 40 Prozent von ihnen sind älter als 30 Jahre. Und ein Drittel hat Kinder. Über die Vergabe der Stipendien entscheidet im Auftrag des Bundesbildungsministeriums zweimal im Jahr die Bonner Stiftung Begabtenförderung berufliche Bildung (SBB). "Die Hindernisse müssen ausgeräumt werden", sagt Bildungsministerin Annette Schavan (CDU). "Verbesserungspotential besteht insbesondere bei der Anrechnung bisheriger Qualifikationen und der Vereinbarkeit von Studium, Berufstätigkeit und Familie."
Deutschland braucht die Quereinsteiger. In vielen Branchen herrscht ein Mangel an Fachkräften. Allein mit dem klassischen Akademikerpfad - Abitur, Studium, dann Praxis - lässt er sich nicht beheben. Unternehmen schätzen zudem Studenten, die jahrelange Berufserfahrung mitbringen. Auch den Unis tun sie gut: Sie bringen mehr Praxis ins Spiel.
"Quereinsteiger sind gut für das System", sagt Bauingenieurin Weller. "Die wenigen, die es an die Uni schaffen, sind sehr effizient." Sie hat damals ihren Job gekündigt und alles aufs Studium gesetzt. Nach acht Semestern hatte sie ihr Diplom, ein "heftiges Programm". Aber Weller würde wieder so entscheiden. Sie fand sehr schnell einen Job, ihr Praxisbezug habe den Ausschlag gegeben, sagt sie. "Der Weg von der Praxis an die Hochschule sollte zur selbstverständlichen Bildungsoption werden", erklärt die Bildungsministerin, die gerade das allgemeine Hochschulstipendien-Programm zusammengestrichen hat. Die Aufstiegsstipendien sollen aber nicht angetastet werden. 13 Millionen Euro fließen 2010 in das Programm.
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