"Sie haben ein geisteswissenschaftliches Studium absolviert. Inwiefern kann dies für ein Wirtschaftsunternehmen prinzipiell von Nutzen sein?"
Ein Psychologe wird von einem Fremden nach dem Weg zum Bahnhof gefragt. Seine Antwort: "Keine Ahnung, aber ich finde es toll, dass wir uns darüber unterhalten haben." Seit Jahrzehnten müssen Geisteswissenschaftler mit dem Vorbehalt leben, dass ihr Wissen und Können für die Praxis relativ wertlos sei - vor allem, wenn es um Marktanteile oder Shareholder Value gehe.
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Doch hier wie überall gilt der Grundsatz, dass die einzig vorhersagbare Konstante der Wandel ist. Zur Erinnerung: In den 50er und 60er Jahren wurden Führungspositionen in deutschen Unternehmen vorrangig mit Juristen besetzt. Dann entdeckte man den "homo oeconomicus" und die Betriebswirte machten das Rennen, wenn es um Managementpositionen ging. Einstweilen hat sich herumgesprochen, dass es den "homo oeconomicus" gar nicht gibt, sondern dass Menschen kommen, wenn man Arbeitskräfte ruft.
Mehr noch: Ausgerechnet oder gerade im Zeitalter der "digitalen Revolution" rückt der Mensch ins Zentrum der Wertschöpfungskette. Der Mitarbeiter als Persönlichkeit, in der "humanes Kapital" wie Bildung, Wissen und Fertigkeiten mit sozialer Kompetenz verschmelzen - das ist die Zukunft in einer sich global entwickelnden Wirtschaftwelt.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass der diesjährige Ökonomie-Nobelpreis u.a. an den Psychologieexperten Daniel Kahnemann vergeben wurde. Der Preisträger befasst sich mit dem Phänomen, dass Menschen sich nicht so verhalten, wie es die klassische Ökonomietheorie annimmt. Seine Arbeit ist ein Angriff auf die herrschende Ökonomie und sie könnte zum Paradigmenwechsel in der Zukunft beitragen.
Balsam für die Seele all jener, die demnächst ihren MA in der Tasche haben und sich fragen, wohin die berufliche Reise wohl gehen mag? Die Stimmen, die ein Umdenken bei der Besetzung anspruchsvoller Fach- und Führungspositionen in der Wirtschaft fordern, werden tatsächlich lauter. Ausgerechnet Banken können sich inzwischen auch Geisteswissenschaftler als Nachwuchskräfte vorstellen und die Traineeprogramme von Großunternehmen sind längst nicht mehr ausschließlich von Kaufleuten bevölkert.
Wer die sich abzeichnenden neuen Chancen nutzen will, muss sich allerdings im Rahmen des Bewerbungsprozesses entsprechend positionieren. Was also haben Geisteswissenschaftler der Wirtschaft prinzipiell zu bieten?
Empathie für "humanes Kapital". Da Mehrwert immer weniger aus Rohstoffen, Energie und herkömmlicher Arbeit entsteht, müssen Mitarbeiter auf eine neue Art und Weise betrachtet werden. "Wer als einziges Instrument einen Hammer hat, neigt dazu, alles wie einen Nagel zu behandeln", warnte einst der Motivationspsychologe Abraham Maslow. Wer Mitarbeiter nur durch die betriebswirtschaftliche Brille betrachtet, kann der Realität nicht gerecht werden.
Eine eher ganzheitliche Betrachtung von Strukturen und Prozessen. Genau hier gibt es in vielen Betrieben erhebliche Defizite, denn Mitarbeiter und Führungskräfte sind vorrangig immer noch auf Organisationseinheiten und Aufgaben fixiert ("Kästchendenken").
Beherrschung von Komplexität. Wer beispielsweise als Student/in der Geschichte gelernt hat, Ereignisse in ihren Neben-, Fern- und Wechselwirkungen zu betrachten, könnte dieses dringend notwendige Know-how auch auf ein komplexes Wirtschaftsgefüge übertragen.
Der Faktor Kultur bestimmt zunehmend den Geschäftsverlauf. Immer mehr Firmen müssen sich mit fremden Kulturen auseinandersetzen, wenn sie die Zukunft gewinnen wollen. Interkulturelle Kompetenz ist eine Schlüsselqualifikation, die zunehmend an Bedeutung gewinnt und mit der sich im Zweifelsfall insbesondere Geisteswissenschaftler empfehlen können.
Dies ist nur eine Grundlage für die Nutzenargumentation in eigener Sache - jeder MA-Absolvent wird gewiss noch zusätzliche Vorzüge ins Feld führen können, die ihn für einen angemessenen Job in der Wirtschaft empfehlen. Und jeder kompetente Geisteswissenschaftler wird auch wissen, dass er nur dann einen guten Platz in einem Unternehmen finden kann, wenn er bzw. sie sich auch betriebswirtschaftliche Kenntnisse aneignet.
Aber wer das Lernen gelernt hat, wird auch einen Zugang zu dieser gewiss ebenfalls komplexen Materie finden.
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