Von der Katastrophenschule zur Vorzeigeanstalt Das Wunder von Moabit

Es scheint eine Art Mathematik-Gymnastik zum Ende der Stunde zu werden. Alle haben Spaß, als das Tempo sich steigert: Fünf Millimeter? Noch einmal 20 Dezimeter? Ein Meter fünfzig? "Und Pause! Und raus mit Euch!"

Und Pause? Komisch, es hat doch noch gar nicht geklingelt. Weil es keine Schulklingel gibt an der Heinrich-von-Stephan-Schule. Stört doch nur. Alle können die Uhr lesen. Wenn auch die meisten keine eigene Uhr besitzen.

Es liegt nicht an den Schülern

Frau Jaeger erzählt, dass sie früher an einer Schule in Neukölln gearbeitet und gedacht hat, es liege an den Schülern. In Berlin kommen nun einmal nur die sieben schlechtesten Prozent nach der Grundschule auf die Hauptschule. Heute weiß sie, dass es nicht an den Schülern liegt.

Jens Großpietsch erinnert sich noch gut an Jennifers Mutter, Anke Kupfermann. Jeder Lehrer erinnert sich an die Schüler aus seiner ersten Klasse.

Als Referendar war er damals gekommen, zusammen mit anderen Referendaren, die dachten, Lehrer sei ein wundervoller Beruf.

Inzwischen denken sie es wieder. "Aber damals war es ein einziges Chaos. Täglich Feueralarm, Polizei, Bombendrohungen, Nervenzusammenbrüche. Und die Direktorin versuchte, alles strikt nach Schulordnung zu regeln."

Als die Direktorin 1982 in die Klinik kam, gab es zwei Jahre gar keine Schulleitung. "Da lag es nur noch an uns. Wir hatten Ideen und Vorschläge. Und der Schulrat sagte: Dann macht mal schön."

Alle Reformschulen in Deutschland, ob sie nun Salem, Odenwald oder Heinrich-von-Stephan heißen, haben einen gemeinsamen Nenner: Die Hinwendung zum Schüler.

Also haben sich die jungen Lehrer gefragt, was den Schülern wohl helfen würde? Wir müssen jedes Kind ernst nehmen. Jedes Kind ist einmalig. Wer kein Deutsch kann, dem bringen wir es bei. Wer die höhere Mathematik nicht versteht, mit dem pauken wir erst einmal die Grundrechenarten."

Erst haben sie es mit freiem, offenem Unterricht versucht: "Der Unterricht war zwar ruhiger, machte auch mehr Spaß, aber der Lerneffekt war plus minus Null. Freiwillig lesen und freiwillige Didaktik funktionierte nicht."

"Nett sein alleine geht nicht"

Mit Pflichtlesen dagegen wuchs die Durchschnittszensur und die Beliebtheit des Lesens in einem Jahr von 3,5 immerhin auf 3,0.

"Also wussten wir: Nett sein alleine geht nicht. Seither fragen wir, was ist messbar gut für die Leistung jedes Schülers. Seitdem kontrollieren wir die Erfolge unserer Unterrichtsmethoden."

Am schwarzen Brett der 8.2. hängen graphische Statistiken, die die individuelle Entwicklung jedes Schülers zeigen. Abstürzende Fehlersäulen sind offenbar eine bessere Motivation als: Du hast zwar schon wieder vier Fehler weniger als beim letzten Mal, aber das ist immer noch eine Sechs.

Als sie in Moabit anfingen mit dem Messen und dem Kontrollieren, wurden sie von den Kollegen ausgelacht, wurden "die Fliegenbeinzähler" genannt.

Heute schreiben die Bildungsexperten, dass die Heinrich-von-Stephan-Schule Pisa um eineinhalb Jahrzehnte vorweggenommen hat. 1999 hat der Bundespräsident ihnen dafür den deutschen Hauptschulpreis überreicht.

Und 2003 hat die Heinrich-von-Stephan-Schule für ihr wegweisendes pädagogisches Konzept die Theodor-Heuss-Medaille bekommen.

Es gibt an dieser Schule nur ein Dogma: Wer messbaren Erfolg hat, hat Recht. Alles andere wird immer weiter ausprobiert und entwickelt. Jens Großpietsch sagt: "Wenn Handstand mit Ohrenwackeln helfen könnte, würden wir im Handstand mit den Ohren wackeln."

Statt Handstand und Ohrenwackeln gibt es Kontrollen und Belohnungen. Es werden regelrechte Bildungsvereinbarungen ausgehandelt mit jedem einzelnen Schüler.

Einmal in der Woche gibt es die Klassenversammlung. Schüler oder Schülergruppen, die sich besonders für die Schule eingesetzt haben, werden ausgezeichnet.

Alle Klassen sind an der Putzwoche und Hofreinigung beteiligt. In jeder Klasse werden zwei Schüler zu Streitschlichtern ausgebildet, die im ehemaligen Geräteschuppen Konflikte ohne Gewalt und ohne Lehrerbeistand austragen.

Entsetzen im Auge

Von Anfang an bewährt hat sich die Fehlerkartei. Um die zu verstehen, muss man wissen, dass die meisten Schüler auf die Heinrich-von-Stephan-Schule kommen mit einem Kenntnisstand der 3. Klasse.

Bei Testdiktaten mit dem Anspruchsniveau 4. Klasse haben sie eine durchschnittliche Fehlerprozentzahl von 20. Also bekommt jeder Schüler jede Woche 16 Karteikarten mit seinen individuellen Fehlerwörtern, die er wieder und wieder durcharbeiten muss.

Für die meisten beginnt das schon vor dem Unterricht, um 7.30 Uhr, mit der Frühförderung.

Bedeutet das alles nicht sehr, sehr viel Arbeit für die Lehrer? "Ja, stimmt", sagt Jens Großpietsch und lacht. "Mehr Arbeit schon, aber auch weniger Nerven."

Sie haben im Laufe des Projekts drei zusätzliche Stellen bekommen. Mehr nicht. Jens Großpietsch kennt allein in Berlin fünf ganz normale Schulen, die besser ausgestattet sind.

Und warum machen es die anderen Schulen im Land nicht einfach nach? "Jeder kann sich uns anschauen. Wir sind eine öffentliche Schule. Wir haben auch schon Besuch aus Indien gehabt, sogar aus Bayern. Aber aus den Nachbarschulen ist noch keiner gekommen."

Neulich hat Jens Großpietsch in Loccum vor 150 Schulleitern sein Erfolgsmodell vorgetragen. "Die hatten alle Entsetzen im Auge, als ich von unserer täglichen Materialkontrolle erzählt habe und davon, dass wir zu zweit in den Unterricht gehen."

Es ist eigenartig, nach zwei Tagen mit den jungen Menschen und Lehrern dieser besonderen Schule die neusten Pisa-Meldungen im Radio zu hören: Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft findet, dass die Kultusminister mit "ihrer richtungslosen Werkelei" und "ihrer Konzeptlosigkeit" schuld sind.

Auch müssten sich die Eltern mehr um ihre Kinder kümmern. Die Kultusminister von der Union und auch Angela Merkel sagen, die OECD interpretiere die Pisa-Ergebnisse falsch, wenn sie jetzt das Ende des dreigliedrigen Schulsystems in Deutschland verlangen.

Die Bayerische Staatszeitung erklärt sich die "Ausfälle" des OECD-Manns und Pisa-Koordinators Andreas Schleicher gegen das deutsche Schulwesen mit der Zurückweisung des damals zehnjährigen Schleicher durch ein Gymnasium in Hamburg.

Der niedersächsische Kultusminister Bernd Busemann sagt: "Die Ausländer und Aussiedlerkinder ziehen den ganzen Schnitt runter." Und die Präsidentin der Kultusministerkonferenz weist die "Fundamentalkritik" der OECD mit den Worten zurück, schließlich sei in keinem anderen Land der Welt nach Pisa "so intensiv über die Bildung diskutiert worden". " Natürlich können die noch Jahre weiterdiskutieren", hat Klassenlehrerin Karin Jaeger gesagt. "Natürlich kann jeder sagen, der Staat muss was anders machen- das muss der auch", sagt Jens Großpietsch. "Aber muss ich deswegen warten? Kann ich selber nicht auch eine Menge ändern?"

Man sollte sich die Lehrer der Heinrich-von-Stephan-Schule als glückliche Menschen vorstellen.