Von Christian Weber

Studenten gehen offenbar bei ihren wissenschaftlichen Arbeiten zielgerichteter vor, als es manchem Professor lieb sein mag: Es werden zwar viele relevante Schriften zitiert, doch nur wenige davon gelesen - von der Auseinandersetzung mit Argumenten gar nicht zu reden.

Was wäre ein wissenschaftlicher Aufsatz, erst recht in den Geisteswissenschaften, ohne zugehörige Fußnoten, die belegen, dass der Verfasser tatsächlich auf die Schultern der Riesen vor seiner Zeit geklettert ist? Jeder Student weiß, dass der Prüfer zuallererst das Literaturverzeichnis danach durchblättern wird, ob der Autor die relevanten Werke kennt. Also wird kräftig zitiert.

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Sind so viele Bücher: In wissenschaftlichen Aufsätzen wird fleißig zitiert - doch offenbar werden nur die wenigsten der aufgeführten Bücher tatsächlich gelesen. (© AP)

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Ein Irrtum wäre es allerdings, wenn man aus einem dicken Anhang schließt, dass der Verfasser die Bücher und Aufsätze tatsächlich gelesen hätte. Das mussten jetzt die Englisch-Dozentinnen Sandra Jamieson von der Drew University und Rebecca Moore Howard von der Syracuse University erfahren, die im Rahmen ihres sogenannten Citation Projects 174 studentische Aufsätze aus 16 Colleges und Hochschulen der USA analysierten.

Das ernüchternde Ergebnis: 77 Prozent der insgesamt 1911 Zitate stammten von den ersten drei Seiten der Quelle, egal ob das Werk wirklich nur drei oder 300 Seiten umfasste. Fast die Hälfte der Zitate - 46 Prozent - bezog sich gar nur auf die erste Seite.

Lediglich neun Prozent der Zitate ließen erkennen, dass die Autoren bei der Lektüre weiter als bis zur Seite acht gelangt waren. So scheint es nur folgerichtig, dass sich bei 96 Prozent der geprüften Aufsätze keine Hinweise dafür finden ließen, dass sich die Autoren wirklich mit der Argumentation der Quellen auseinandergesetzt hätten.

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(SZ vom 09.11.2011/gal)