Die Bundesanstalt für Arbeit vermittelt jährlich Millionen von Stellen, doch immer zu wenige.

(SZ vom 09.10.2003) Eine Frau in Mecklenburg-Vorpommern, die unter 25 oder über 55 Jahre alt ist und zum Beispiel einen Beruf im Textilsektor hat, deren Job ist höchst gefährdet - zumindest statistisch. Denn in diesem Fall treffen mehrere Faktoren zusammen, die kennzeichnend für die größten Problemfelder des Arbeitsmarktes sind. Frauen, Junge, Ältere, Regionen in Ostdeutschland sowie bestimmte Berufsgruppen werden besonders stark von der Arbeitslosigkeit betroffen. Das wird sich auch an diesem Donnerstag zeigen, wenn der Chef der Bundesanstalt für Arbeit, Florian Gerster, die Arbeitsmarktzahlen für September dieses Jahres verkündet. Die strukturellen Schwierigkeiten dauern an.

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Statistik in Bewegung

Dabei ist es nicht so, dass der Arbeitsmarkt regungslos darnieder liegt. Selbst in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Krise findet ein permanenter und umfangreicher Job-Austausch statt. Die Zahlen über den Zu- und Abgang an Arbeitslosen geben eine Ahnung davon. "Das ist die Statistik mit der größten Bewegung", sagt Wolfgang Kohr. Der Referent in der Nürnberger Arbeitsamtszentrale spricht von einem beeindruckenden Verschiebebahnhof, bei dem die Züge auf verschiedenen Gleisen in die Arbeitslosigkeit hinein fahren und ihn am anderen Ende in unterschiedlichsten Richtungen wieder verlassen. In der Bundesrepublik meldeten sich im Verlauf des Jahres 2002 mehr als 7,4 Millionen Menschen arbeitslos. Darunter rund drei Millionen, weil sie ihren Arbeitsplatz verloren haben und nochmals 700.000, die im Anschluss an ihre Ausbildung keinen Job bekamen. Im selben Zeitraum gaben 7,2 Millionen den unerfreulichen Status des Arbeitslosen allerdings wieder ab.

IT-Mitarbeiter schneller vermittelbar

Die Differenz entspricht ungefähr dem statistisch erfassten Jahreszuwachs - ein nahezu statischer Vorgang. Die tatsächliche Dynamik des Arbeitsmarktes verteilt sich unterdessen auf zahlreiche Nebenwirbel der großen Grundströmung. Die Branche der Informationstechnik (IT) ist ein Beispiel dafür. Diese Industrie, die vor zwei Jahren noch händeringend Personal gesucht hat, baut inzwischen heftig Stellen ab. Von Januar bis August meldeten sich bei der Bundesanstalt fast 100.000 EDV-Fachleute arbeitslos. Aber im gleichen Zeitraum konnten auch 80.000 wieder aus der Arbeitslosenstatistik gestrichen werden.

Dennoch, mit der restlichen Zahl erhöht sich Mal für Mal der verbleibende Bestand - auf rund 90.000 ehemalige IT-Beschäftigte. Dabei findet anscheinend nicht einmal ein fundamentaler Wechsel bei den erforderlichen Qualifikationen statt. Die vier größten Gruppen von IT-Mitarbeitern, die arbeitslos wurden - Informatiker, EDV-Kaufleute, Informationselektroniker und Rechenzentrumsfachleute-, sind identisch mit den Kategorien, in denen die meisten Abgänge erfolgten. Doch wer blieb ohne neuen Job und warum?

Abmeldungen aus der Statistik

Die hartnäckige Arbeitslosigkeit in den anfangs erwähnten Problembereichen lässt böse Ahnungen aufkommen. Frau, alt, jung, Ost? Doch die Frage bleibt unbeantwortet, verliert sich in den Tiefen der Statistik.

Auch beim Abgang von Arbeitslosen stößt die Statistik der Bundesanstalt an Grenzen. Wer nicht mehr registriert wird, hat nicht unbedingt eine neue Stelle. Doch herauszufinden, wohin die Menschen geraten, die im Laufe eines Monats aus dem Vier-Millionen-Heer der Erwerbslosen wieder ausscheiden, ist schwierig. Einfach ist dies noch bei denen, die sich schlicht abmelden, weil der Druck, sich selbst aktiv um einen Job zu bemühen zunimmt und sie andererseits schon lange kein Arbeitslosengeld mehr bekommen oder sogar nie Anspruch darauf hatten. Sie verlassen die Statistik meist für immer. Mehr als 67.000 waren es zuletzt.

Unbekanntes Ziel

Doch nahmen im August rund 280.000 vormals Arbeitslose eine irgendwie geartete Erwerbstätigkeit auf. Dazu kamen noch knapp 50.000 jüngere Arbeitslose, die nach vergeblicher Jobsuche erneut in die Ausbildung einstiegen. Trotz der vielen Zahlen hat Kohr Bedenken über deren tatsächliche Aussagekraft: "Das sind momentane Schnappschüsse, die ein teilweise verzeichnetes Bild wiedergeben." Zum Zeitpunkt der Abmeldung wisse man in den Arbeitsämtern keineswegs immer genau, wo der Arbeitslose wirklich hingeht.

Kaum nachweisbar bleibt bei der Sofort-Erfassung, welche der abgemeldeten Arbeitslosen später an anderer Stelle wieder als Zugang auftauchen. So nehmen zur Zeit als Folge der ersten Reformgesetze die Existenzgründungen sprunghaft zu. Im August probierten 24.000 bis dahin arbeitslos gemeldete Menschen diesen Schritt, mehr als doppelt so viele wie vor Jahresfrist. Welchem Prozentsatz das auf Dauer gelingt, kann in Nürnberg heute jedoch niemand sagen.

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(Von Peter Schmitt)