USA: Debatte um strenge Erziehung Laut gebrüllt, Tigermutter

Angesichts der Bestleistungen chinesischer Schüler fürchtet Amerika den Abstieg in die Bedeutungslosigkeit. Auch deshalb ist die Aufregung über die Erziehungsmethoden asiatischer Mütter so groß.

Von Petra Steinberger

Was würde man von einer Mutter halten, deren Kinder das Folgende niemals machen dürften: Woanders übernachten. Sich mit Freunden zum Spielen treffen. Im Schultheater mitspielen. Sich darüber beschweren, dass sie nicht im Schultheater mitspielen. Fernsehen oder Computerspielen. Sich selbst aussuchen, was sie neben der Schule noch unternehmen wollen. Etwas schlechteres als eine Eins schreiben. Etwas schlechteres als den ersten Platz in jedem Fach zu belegen - außer in Sport und Theater.

Man würde wohl überlegen, das Jugendamt einzuschalten, weil der Verdacht naheliegt, dass diese Mutter ihre Kinder misshandeln, oder zumindest ihre obsessiv-neurotischen Geistesverwirrungen an ihnen auslassen könnte. Natürlich weiß man noch nicht, dass man gerade einer Tigermutter begegnet ist. Besser gesagt: einer chinesischer Mutter.

In den Vereinigten Staaten und Großbritannien weiß man das inzwischen sehr genau, spätestens seit die selbst ernannte Tigermutter Amy Chua vor knapp zwei Wochen im Wall Street Journal einen Essay veröffentlichte: "Warum chinesische Mütter besser sind." Es war ein Exzerpt aus ihrem kurz darauf erschienenen Buch "Battle Hymn of the Tiger Mother" - "Schlachtgesang der Tigermutter" (auf Deutsch erscheint es nächste Woche bei Nagel & Kimche unter dem Titel "Die Mutter des Erfolges"). Innerhalb weniger Tage schoss das Buch bei Amazon unter die ersten fünf der Bestsellerliste, Tendenz steigend. Amy Chua wurde derweil zur meistbeschimpften und gefürchtetsten Mutter der Nation.

Amy Chua, Juraprofessorin in Yale und Verfasserin zweier vielgelobter Bücher über internationale Konflikte und ethnische Minderheiten, spricht an, wovor sich westliche Mittelstandseltern und Bildungseliten zutiefst fürchten - vor der überragenden Bildung jener erfolgreichen asiatischen Kinder, vor den kleinen Mathematikern, Musikern und Ingenieuren, die dem eigenen Nachwuchs vielleicht eines Tages, vielleicht schon längst den Rang abgelaufen haben. "Chinesische Eltern verstehen, dass nichts Spaß macht, bis man gut darin ist", schreibt sie. "Um gut in etwas zu werden, muss man arbeiten, und Kinder wollen von sich aus niemals arbeiten, weshalb es so wichtig ist, dass man sich über ihre Wünsche hinwegsetzt. Das verlangt von den Eltern viel Willenskraft, denn das Kind wird sich weigern."

Für westliche Eltern klingt das nach brutalem Zwang und Gewaltanwendung, ein Tabu in der Erziehung. Doch chinesische Eltern verstünden, so Chua, dass sie mit dieser Methode eine Aufwärtsspirale in Gang setzten. Ein Kind, das Erfolg hat, wird Selbstvertrauen und Selbstwert bekommen, was wiederum das viele Lernen und Arbeiten leichter macht. Und so können chinesische Eltern noch einmal mehr von ihren Kindern verlangen. Da, wo westliche Eltern aufgeben, meint Chua, da fangen chinesische Eltern gerade erst an mit dem Druck. "Eines der schlimmsten Dinge, die man dem Selbstwertgefühl eines Kindes antun kann, ist, es aufgeben zu lassen." Und, vielleicht bedenkenswerter: "Chinesische Eltern setzen bei ihren Kindern Stärke voraus, nicht Unsicherheit."