US-Bildungssystem Im Land der unbegrenzten Ahnungslosigkeit

In einem Land, in dem Teenager Hitler für einen deutschen Kaiser halten: Wie Obama und McCain das Bildungssystem reformieren wollen.

Von T. Schulz

In Deutschland urteilt man nach dem Pisa-Schock vorsichtiger über den Stand der Bildung in anderen Staaten. Doch bei aller Ehrfurcht, die die Deutschen vor Harvard oder Yale haben, können sie immer noch sagen: Amerika, du hast es nicht besser! In der Pisa-Studie landeten die USA hinter Deutschland; die mathematischen und naturwissenschaftlichen Fähigkeiten der amerikanischen Jugendlichen liegen unter dem OECD-Durchschnitt. Fast ein Drittel verlässt die High-School ohne Abschluss, Schwarze und Hispanics scheitern in großer Zahl. Nicht einmal jeder zweite Teenager kann den US-Bürgerkrieg zeitlich einordnen. Ein Viertel hält Adolf Hitler für einen deutschen Kaiser, einen österreichischen Regierungschef oder einen Waffenfabrikanten. Auf dem College sind viele Studenten mit dem Abfassen kurzer Essays völlig überfordert. Mehr als ein Drittel bricht das Studium ab.

Im Wahlkampf versprechen die Präsidentschaftskandidaten eine Reform des Bildungssystems - so weit dies im föderalen Amerika in ihrer Macht stünde. Die Finanzkrise dominiert die öffentliche Debatte, aber Bildung ist auch in den USA kein Randthema mehr. Barack Obama, der Kandidat der Demokraten, sagt oft, er werde sich nicht damit abfinden, dass die Armen so geringe Bildungsaussichten haben. John McCain und die Republikaner beteuern ebenfalls, bessere Schulen für alle zu schaffen.

No child left behind - Inbegriff einer Gängelungspraxis

Beide Parteien stehen im Grundsatz hinter dem 2002 von der Bush-Regierung eingeführten Programm No child left behind ("Kein Kind wird zurückgelassen"). Dessen Abkürzung NCLB ist in den USA ähnlich bekannt und in Bildungsdebatten ähnlich beherrschend wie Pisa in Deutschland. NCLB hat die Bundesstaaten dazu verpflichtet, jedes Jahr die Lese- und Mathematik-Leistungen der Schüler in der dritten bis achten Klasse mit standardisierten Tests zu messen. Schulen, die schlecht abschneiden, müssen Sanktionen fürchten; Rektoren können entlassen und die Schüler auf andere Schulen geschickt werden. Kinder, die Defizite haben, sollen staatlich geförderte Nachhilfestunden bekommen. In der Praxis jedoch funktioniert dies oft schlecht. Die Umsetzung der NCLB-Regeln variiert von Schulbezirk zu Schulbezirk, vielerorts fehlen Förderangebote und qualifizierte Pädagogen.

Für die Lehrerverbände ist NCLB zum Inbegriff einer Gängelungspraxis geworden, und viele Eltern und Pädagogen beklagen, es werde nur noch für die Ankreuztests gepaukt. Kreative Aufgaben und Fächer wie Kunst, Musik oder Politik kämen zu kurz. Dennoch ist das Leistungsgefälle in Mathematik und im Lesen zwischen den Schulen weiterhin enorm. In den inner cities, den Armenvierteln der Großstädte, fehlt oft schon das Nötigste: Unterrichtsmaterial, saubere Räume und Lehrer, die länger als ein paar Monate durchhalten.

Bush "left the money behind"

Obama sagt, die Ziele von "No child left behind" seien richtig, aber: Bush "left the money behind". Die Regierung habe den Schulen nicht ausreichend Geld und Hilfe gegeben, um besser werden zu können. So führe NCLB eher zur Stigmatisierung und Demoralisierung von Schülern und Lehrern als zur Förderung ihrer Talente. Obama betont auch gern, Bildung könne man nicht allein mit ein paar Multiple-Choice-Fragen messen. Mit dieser Kritik hat er sich den Rückhalt der Lehrerverbände gesichert. In deren Reihen gibt es jedoch auch Pädagogen, die im Gegensatz zu Obama landesweite Tests für Schüler und eine leistungsorientierte Bezahlung rundweg ablehnen. Sollte Obama Präsident werden, dürfte es schwer für ihn werden, den hohen Erwartungen aus der Lehrerschaft zu entsprechen, zumal die Schulpolitik überwiegend auf Ebene der Bundesstaaten und Schulbezirke gemacht wird und diese viele Möglichkeiten haben, Vorgaben aus Washington zu unterlaufen.

Weder Obama noch McCain wollen das NCLB-Programm aufgeben, beide wollen es aber effektiver und gerechter machen. McCain bleibt in seinen Ankündigungen dazu vage, er will vor allem erreichen, dass Schüler jederzeit ihre Schule wechseln können, wenn die Eltern unzufrieden sind. Mit 750 Millionen Dollar will er außerdem Online-Kurse und Internet-Schulen fördern. Jugendliche aus armen Familien sollen mehr Stipendien bekommen, um Kurse zur Vorbereitung für die in den USA üblichen Hochschul-Zulassungstests bezahlen zu können.

Fragwürdige Qualität der Ausbildung

Obama will die Darlehen für Studenten verbessern, 4000 Dollar der Studiengebühren sollen für die meisten ganz entfallen. Beide Kandidaten wollen mehr gute Studenten für den Lehrerberuf gewinnen. McCain verspricht Bonuszahlungen für hochqualifizierte Pädagogen, die an Problemschulen gehen. Obama will 40000 Stipendien für gute Lehramtsstudenten vergeben und strengere Regeln zur Akkreditierung der Lehrerausbildung durchsetzen. Die Ausbildung der Pädagogen in den USA ist uneinheitlich, die Qualität oft fragwürdig, vielen Lehrern fehlt ein solides Fachstudium. Während in Deutschland darüber geklagt wird, dass der Staat schlechte Lehrer nicht mehr los wird, müssen die Amerikaner darum kämpfen, Lehrer an den Schulen zu halten: Etwa 30 Prozent der jungen Pädagogen bleiben nicht länger als fünf Jahre im Schuldienst. Obama will die hohe Fluktuation mit einem Mentoren- und Belohnungssystem bekämpfen.

Wie in Deutschland sehen die Politiker in den USA große Defizite in der naturwissenschaftlichen und technischen Bildung. Immer wieder warnt Obama davor, die USA würden international zurückfallen, weil zu wenige Schüler und Studenten sich für Technik und die Ingenieursberufe interessierten. Um Fachkräfte zu sichern, will er die Einwanderungsregeln für ausländische Studenten lockern, außerdem sollen die Naturwissenschaften in Schulen und Colleges gestärkt werden. Die Demokraten kündigen außerdem an, deutlich mehr in die frühkindliche Bildung zu investieren.

Obamas Programm ist, mindestens vom Finanzvolumen her, ambitionierter als das McCains, der die Rolle Washingtons in der Bildungspolitik zurückhaltender auslegt. Bei Obama summieren sich die Pläne auf 18 Milliarden Dollar im Jahr. Dazu kommt noch das teure Versprechen, die Ausgaben für die Grundlagenforschung innerhalb von zehn Jahren zu verdoppeln. Kein Wunder, dass Obama nun zunächst alles daran setzt, einen Ausweg aus der Wirtschafts- und Finanzkrise aufzuzeigen.