Homo oeconomicus und soziale Marktwirtschaft: Die Pläne für mehr Wirtschaftsunterricht sind inhaltlich erschreckend einseitig. Um die Wirtschaftswelt zu verstehen, braucht es mehr.
Die Arbeitgeberverbände setzen sich beharrlich für eine bessere ökonomische Bildung ein. Sie wollen Wirtschaft bundesweit als Schulfach durchsetzen. Das fordert auch der Bundesverband der Banken in seiner "Konzeption für die ökonomische Bildung als Allgemeinbildung"; er verlangt ein zweistündiges Pflichtfach Wirtschaft von Klasse 5 bis 12.
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Ist der Wirtschaftsunterricht zu einseitig, bringt er den Schülern nichts. (© Foto: dpa)
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Das ist mehr, als die Stundentafel des bayerischen Gymnasiums den Fächern Chemie und Physik einräumt - für Bescheidenheit ist der Verband nicht bekannt. Sein Konzept ist eine Auftragsarbeit des renommierten Oldenburger Instituts für Ökonomische Bildung (IÖB). Lobbyisten für mehr Wirtschaft in der Schule sind auch die Bertelsmann-Stiftung, die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und die Ludwig-Erhard-Stiftung.
An den Wirtschaftsunterricht richten sich zwei Erwartungen: Dort sollen Schüler lernen, wie Märkte und Unternehmen funktionieren und nach welchen Mustern Menschen in der Wirtschaftswelt handeln. Außerdem sollen Erwerbstätige, Verbraucher und Geldanleger, die sich in der Schule ökonomisch gebildet haben, erfolgreicher sein als andere. Kann ein Fach Wirtschaft dies einlösen? Viel hängt davon ab, was genau man dort lernt. Die Fachphilosophie, die das IÖB formuliert, beruht auf zwei Elementen: Das theoretische Fundament legt die ökonomische Handlungstheorie samt Modell des Homo oeconomicus ("Ökonomik"), das ordnungspolitische Gerüst liefert die soziale Marktwirtschaft. Andere Ansätze stehen nicht auf dem Plan.
Einseitige Weltsicht
Die Denkschule der Ökonomik fußt auf der Annahme, dass Individuen rational handeln, ihren Nutzen maximieren und sich nur durch positive oder negative Anreize beeinflussen lassen. Sie untersucht, bei welchen Anreizstrukturen möglichst viele Akteure zum wechselseitigen Vorteil kooperieren. Als eine gute Gesellschaft gilt die, die den Individuen optimale Gelegenheiten zur gegenseitigen Vorteilsmaximierung bietet. Garantieren sollen das Institutionen und Regeln, es ist Aufgabe der Politik, diese zu optimieren. Die Ökonomik liefert nicht nur eine Theorie der Wirtschaft, sondern zugleich auch eine Gesellschafts- und eine politische Theorie. Die Ökonomen Karl Homann und Andreas Suchanek schreiben in ihrem Einführungswerk zur Ökonomik, diese diene der "Erklärung und Gestaltung der sozialen Welt".
"Realitätsfernes Konstrukt"
Ausschließlich diese Weltsicht also sollen sich die Schüler aneignen. Hans Kaminski und Katrin Eggert, Leiter und Geschäftsführerin des IÖB sowie Verfasser der Konzeption für den Bankenverband, attestieren der Ökonomik eine "besonders hohe heuristische Erklärungskraft". Mehr als zwei Drittel der Unterrichtsthemen stammen aus dem Mainstream der Volkswirtschaftslehre. Alternative Ansätze kommen nicht vor. Andere Disziplinen bleiben marginal - für die Wirtschaft ist nur die Wirtschaftswissenschaft zuständig. Dass reale Märkte soziale Beziehungen und Netzwerke sind und Kommunikation und Kultur benötigen, lernen die Schüler so nicht; das ist Wissen aus der Wirtschaftssoziologie.
Bankenverband und IÖB fordern eine wirtschaftliche Bildung, die auf homogenes Denken in orthodoxen standardökonomischen Modellen zielt. Ein Schulfach, das nur ein einziges Paradigma propagiert, dürfte ziemlich einzigartig sein (sieht man einmal vom konfessionellen Religionsunterricht ab). Selbst Wirtschaftswissenschaftler streiten untereinander über die Weltsicht der Ökonomik, nicht nur mit Soziologen und Psychologen. Während für die IÖB-Autoren eine Kritik am Homo-oeconomicus-Modell "unnötig" ist, sieht der Nürnberger Ökonom Karlheinz Ruckriegel darin ein "realitätsfernes Konstrukt".
Die Rationalität des Menschen wird überbetont
Dass "die Rationalität des Menschen so überbetont wird", hält auch der Wirtschaftsnobelpreisträger Reinhard Selten für falsch. Er kritisiert den umfassenden Erklärungsanspruch der Ökonomik als "ökonomischen Imperialismus". Für die Oldenburger Wirtschaftsdidaktiker sind Emotionen, Instinkte und Irrationalität kein Thema. Es bleibt ihr Geheimnis, wie man ohne diese Kräfte beispielsweise Marketingstrategien, Konsumentenhandeln, Machtspiele bei Firmenübernahmen oder wirtschaftspolitische Grundüberzeugungen erklären soll.
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Debatte über Urheberrecht
Eine grundlegende wirtschaftle Ausbildung ist m.E. sehr wichtig. Für die Aufgabe, breiter Allgemeinbildung wird die Schule in diesem Bereich ebenso wenig gerecht, wie der Vorbereitung auf das spätere Leben (Beruf oder Studium). Es ist m.E. wichtig zu verstehen, wie sich Preise bilden, warum Monopole schlecht sind und wieso sich viele so Verhalten wie sie es eben tun. Die Wirtschaft bestimmt entscheidend unser Leben und es ist wichtig solche Sachen einorden zu können. Von keinem anderen so alltäglichen Bereich haben wir so wenig Ahnung!
Wer glaubt, solche Wissensvermittlung muss sich 1:1 am wissenschaftlichen Stand orientieren ohne didaktische Einordnung, der irrt! Pauschal von kurzfristiger Gewinnmaximierung als großes Ziel auszugehen ohne entsprechende Einordnung ist nicht nur fahrlässig sondern hat auch nichts mit wirtschaftswissenschaftlichem Verständnis zu tun! Gerade die langfristige Ausrichtung eines Unternehmens ist entscheidend. Und das impliziert langfristige Zufriedenheit sowohl der Mitarbeiter und der Kunden. Es ist daher eben nicht nur wichtig zu verstehen, was unter welchen Annahmen gilt, sondern auch einordnen zu können, wann solche Bedingungen gelten. Das fördert wirtschaftliche Kompetenz und ermöglicht langfristig kluges Handeln.
Ein Beispiel: Wenn ich verstanden habe, dass Unternehmen Gewinne machen wollen (das ist auch gut so) und vieles (nicht alles) auf dieses Ziel ausgerichtet ist, versteht man, dass der nette Mann am Schalter der Bank kein Berater sondern ein Verkäufer ist! Der versteht auch, dass ich das Gehalt von dem angestellten bezahle. Ich verstehe, dass es wenig für umsonst gibt und zusätzlicher Gewinn, zusätzliches Risiko bedeutet.
Ich habe also nicht nur gelernt, wie ich mich als Wirtschaftssubjekt selber verhalte sondern ich verstehe, warum sich die anderen Verhalten wie sie es tun.
D.h. wirtschaftliche Ausbildung ist wichtig und es ist Aufgabe des Lehrers diese didaktisch aufzuarbeiten. Und auf die Aussage meine Vorkommentators zurückzukommen "Wenn ich Mist kaufe, wird deshalb Mist produziert...": Wenn ich mich übers Ohr hauen lasse, dann werde ich übers Ohr gehauen!
Ein großer Dank für diesen Artikel!
Dazu noch ein paar Ergänzungen:
Es ist nicht etwa DIE "Ökonomik", die vom Menschenbild eines "homo oeconomicus" ausgeht, und schon gar nicht die "alte Ökonomik", sondern es ist eine Ökonomik, die man als "Klassik" bezeichnet.
Der Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen hat das mal so schön als "rational fools" bezeichnet.
Das Problem ist, dass schon an den Universitäten und drumrum die Fachwissenschaft ideologisch ist. Da kommen weder die realen vielfältigen Motive und Bedürfnisse von Menschen vor, noch die reale Vielfalt der Betriebstypen und Wirtschaftsformen.
Reinhard Selten hat sogar festgestellt, dass ein Wirtschaftsstudium die Menschen moralisch auf eine tiefere Stufe zieht. Sie denken danach egoistischer und simpler als vorher. Das nennt man dann Wirtschaftsbildung...
Was müsste jede und jeder lernen? Dass Wirtschaften ein Kreislauf ist: Wenn ich Mist kaufe, wird deshalb Mist produziert; wenn ich geizig bin, kriegt ein anderer weniger Gehalt - und ich am Ende auch; wenn ich umweltschädliche Sachen kaufe, bin ich für den Schaden letztlich verantwortlich und nicht der Hersteller; wenn ich mein Geld auf die Bank trage, arbeitet nicht mein Geld für mich, sondern das tun andere Menschen.
So einfache Weisheiten würden schon genügen. Aber die sind gerade nicht erwünscht.
Sehr informativer Beitrag, die Schule als solche führt die dort Lernenden ja ohnehin schon zu Wettbewerb und Leistung und ist in der immer stärker werdenden Ausrichtung auf diese Felder ein sehr akkurater Spiegel der wirtschaftlichen Interessen.
Nachdem westeuropäische Schüler dank der Einführung des Planspiel Börse und der entsprechenden Einordnung in den Wirtschaftsunterricht mittlerweile ihr Vokabular angepasst haben und auf ein Weltbild eingeschworen wurden, in welchem man das meiste Geld in der kürzesten Zeit ausschliesslich erhalten kann, solange man seine Zeit nicht damit verschwendet, tatsächliche Waren oder Werte zu erschaffen, erscheint die Fortführung dieses Weges nur konsequent.
Aber das war wohl schon immer so, nicht umsonst besteht seit jeher das grösste Interesse an Klassentreffen darin, zu sehen, wer alles weniger Geld macht als man selbst.