"Eine großartige Idee, die nicht kaputt gehen durfte": Die krisengeschüttelte Uni Witten-Herdecke erholt sich allmählich und gewinnt Geld und Renommee zurück. Aber ein Risiko bleibt.
Martin Butzlaff ist Mediziner. Es ist sein Beruf, Symptome zu erkennen, eine Diagnose zu stellen und daraus therapeutische Maßnahmen abzuleiten. Genau genommen macht er in seinem aktuellen Job nichts anderes: Butzlaff ist wissenschaftlicher Geschäftsführer der Universität Witten-Herdecke (UWH).
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Möglicherweise saniert: die Universität Witten-Herdecke. (© Foto: AP)
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Die 1982 gegründete Privathochschule, von Befürwortern wegen ihres anthroposophischen Ansatzes und ihrer Praxisnähe gerühmt, ist finanziell stets ein Pflegefall gewesen. Butzlaff sagt diplomatisch: "Hier wurde gut gearbeitet, aber zu optimistisch geplant." Man habe sich als Deutschlands erste Privatuni "zu lange auf unsere Eisbrecher-Funktion verlassen". Es ist nun ein Jahr her, dass der Eisbrecher beinahe auf Grund lief.
Schuldzuweisungen und Rücktritte
Mitte Dezember 2008 verkündete der nordrhein-westfälische Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP), er werde den Landeszuschuss von 4,5 Millionen Euro einbehalten und drei Millionen Euro zurückfordern. "Keine ordnungsgemäße Geschäftsführung", lautete das Urteil. Ein Schock für Witten. Es folgten gegenseitige Schuldzuweisungen, dann die ersten Rücktritte in den Reihen der UWH-Leitung, ehe die Hochschule in nächtlichen Verhandlungen durch den Einstieg der Software AG als Hauptgesellschafter gerettet wurde.
Der Darmstädter Konzern bürgt für zehn Millionen Euro, pumpt bis 2013 außerdem vier Millionen frisches Kapital in die zuvor notorisch klamme UWH. Eine Alumni-Initiative brachte erstaunliche drei Millionen Euro auf, und das Kuratorium der Universität als "Initiative der Wirtschaft" wird noch einmal 3,5 Millionen Euro obendrauf legen.
Im Haushalt für 2010 wird nur noch mit einem Verlust von 872.000 Euro kalkuliert, nach 4,8 Millionen Euro Minus im Geschäftsjahr 2008/09. Der Verlust entstand nach Aussage von Finanzgeschäftsführer Michael Anders überwiegend in der Ära der Vorgänger. Die Pläne zur Konsolidierung würden schon bald greifen. Die Uni sei jetzt "kein Fass ohne Boden mehr", sagt der Kuratoriumsvorsitzende Peter Pohlmann.
Es muss Eigenleistung zu sehen sein
Der Gründer des Möbeldiscounters Poco, der mit 2500 Mark Startkapital eine Firma aufbaute, die heute fast eine Milliarde Euro Umsatz macht, ist ein Mann der klaren Worte. Erstmals habe sich die Uni Witten das Ziel gesetzt, "nicht zu betteln, sondern auf eigenen Füßen zu stehen". Den zupackenden Westfalen Pohlmann hat die passive Grundhaltung immer schon gestört: "Ich als Unternehmer muss erkennen, dass eine Eigenleistung da ist."
Die UWH, die Butzlaff gern ein "Bildungslabor" nennt, das auf "selbstbestimmte Lernwege" setzt, hat unter Druck einen "Paradigmenwechsel" (Michael Anders) vollzogen: Die Uni wird größer und teurer, um so ihre wissenschaftliche Kraft und Freiheit zurückzugewinnen. Die Zahl der Studenten soll von 1050 zunächst auf 1450 und langfristig auf 1800 Studenten steigen. Zudem wurden die Beiträge erheblich erhöht; ein Zahnmedizin-Studium kostet nun 48.000 Euro statt bisher 36.000 Euro. So soll der Anteil der Gebühren am Etat von derzeit neun Prozent auf gut ein Fünftel wachsen.
Gleichzeitig wird bei den Ausgaben auf die Bremse getreten. Die Zahl der Professoren und Dozenten wird vorerst nicht weiter aufgestockt, im Frühsommer musste Butzlaff 27 Mitarbeitern kündigen. Der Sparkurs ging vergleichsweise ruhig vonstatten. Vielleicht, weil jedem klar war, dass sich etwas ändern musste; wahrscheinlich aber auch, weil mit Butzlaff und Anders keine externen Sanierer, sondern zwei ehemalige UWH-Studenten den Kurs verantworten.
Visionär und Controller
Die Hochschule, sagt Butzlaff, "braucht den Visionär und den Controller". Die Betonung liegt auf dem Bindewort. Denn an hehren Visionen hat es in Witten nie gefehlt, nur von der Kontrolle war am Ende nichts mehr zu spüren. Dem hat nun auch Pinkwart einen Riegel vorgeschoben. Am vergangenen Mittwoch wurde entsprechend der ministeriellen Vorgabe ein fünfköpfiger Aufsichtsrat installiert, dem etwa der renommierte Neurologe Johannes Dichgans und Jörg Dräger, früherer Wissenschaftssenator in Hamburg und heutiger Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, angehören. Die Professionalisierung schreitet sichtbar voran, entsprechend zufrieden ist Minister Pinkwart, der die Hochschule "auf einem guten Weg" sieht.
Für Pohlmann, den Chef des Kuratoriums, ist Witten "eine großartige Idee, die nicht kaputtgehen durfte". Doch in Sicherheit kann sich an der UWH niemand wiegen. Die "Architekten" des Umbaus, Butzlaff und Anders, wissen, dass sie auf dem Reißbrett ein hübsches Bildungshaus entwerfen können - ob es langfristig bewohnbar ist, entscheidet aber im Juni der Wissenschaftsrat als quasi abnehmende Baubehörde. Im Auftrag von Bund und Ländern kontrolliert der Rat die privaten Unis, und wenn er im Sommer der UWH die Zulassung nicht verlängern würde, wäre das diesmal wohl wirklich das Ende der Uni in Witten.
Alle wissen, wie es geht
Butzlaff gibt sich jedoch überzeugt: Man liege "gut im Plan", habe im Rahmen der Neuordnung der Humanmedizin auch die Zahl der Professorenstellen wie gefordert erhöht. Und Butzlaffs Kollege Anders sagt selbstsicher: "Das zweite Jahr der Sanierung ist immer schwieriger", aber nun wüssten alle, wie es geht.
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(SZ vom 14.12.2009/holz)
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Die Laender bieten Bildung flaechendeckend an und schicken Delegationen oeffentlich zu Zusammenkuenften, wo Absprachen getrofffen werden. So wird geschickt der Wettbewerb untereinander unterbunden. Mit den Studiengebueren von 500 Euro kann keine private Institution einen Lehrbetrieb aufbauen, geschweige denn parallel einen Forschungsbetrieb.
Verstehen Sie mich nicht falsch, Bildung ist kein konventionelles Gut. Normalerweise suchen wir uns eine Uni aus, und ein Fach, und die Wechselkosten sind immens. Ausserdem ist der Professor kein Friseur. Wir vertrauen ihm mehr, wenn er uns Aufgaben gibt, welche er als sinnvoll betrachtet, und wir verbringen die ersten Jahre an der Universitaet ohne zu verstehen, was die Aufgaben mit dem Fach zu tun haben. Aber ich halte es fuer naiv, diesen Auftrag politischen Aemtern zu uebergeben und den Wettbewerb so zu unterdruecken. Wer hat die besten Studenten, wo gibts die besten Placements, wo hat welcher Professor in einem doubleblind refereed Journal veroeffentlicht und wie wird er zitiert. Dies moegen alles nur Kennzahlen sein, aber zumindest kommen sie dem Streben der guten Wissenschaft am ehesten nahe.