Parkett und Marmor statt undichter Dächer - Hessen investiert eine Milliarde Euro in die Universität Frankfurt. Doch einige Hörsäle tragen die Namen großer Banken.
Parkett und Marmor gaben den Eröffnungsgästen aus der Hochfinanz das Gefühl, sie hätten ihre Vorstandsetagen nie verlassen. Das "House of Finance", ein finanzwissenschaftliches Zentrum, ist das erste neue Prunkstück der Universität Frankfurt. Hier im Westend, hinter dem IG-Farben-Haus, ziehen Bauarbeiter einen neuen Campus hoch.
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Studentinnen sitzen auf dem neuen Campus der Frankfurter Universität, vor dem IG-Farben-Haus. (© Foto: AP)
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Feilschen um jeden Euro für dichte Dächer
Stein für Stein wächst auch das Selbstbewusstsein der Uni, deren Image zuletzt eher grau als glänzend war. Der druckfrische Rechenschaftsbericht preist den Campus als größte Bildungsbaustelle Europas. Hessen investiert bis 2014 mehr als eine Milliarde Euro in drei Frankfurter Uni-Standorte - in Zeiten, in denen andere Hochschulen um jeden Euro für dichte Dächer feilschen müssen.
Die Bauarbeiter gießen große Versprechen in Beton: Präsident Rudolf Steinberg, 65, sieht seine Hochschule auf dem Weg unter die besten 50 der Welt, auch wenn es in der bundesweiten "Exzellenzinitiative" bisher nicht zum Elite-Titel reichte. Bei der Eröffnung des "House of Finance" machte auch Ministerpräsident Roland Koch (CDU) klar, dass das Land etwas für seine Investitionen verlangt: "Wir erwarten eine gute akademische Performance!" Benachbarte Hochschulen registrieren derweil neidvoll die Landesgunst für Frankfurt.
"Einmalig, wenn Sie aus Bayern kommen"
Präsident Steinberg, der zum Jahresende abtritt, hat der Hochschule den Mut zum Superlativ zurückgegeben. Vom Land in eine Stiftungsuni umgewandelt, sei man seit Januar "die autonomste Hochschule Deutschlands", behauptet Steinberg. Sie beruft ihre Professoren selbständig und darf von starren Regeln abweichen, um ihren Wunschkandidaten einen Lehrstuhl zu verschaffen. Sie verhandelt selbst über Tarifverträge, Zulassung zum Studium und Grundordnung stehen in ihrem Belieben.
"Das ist einmalig, vor allem, wenn sie aus Bayern kommen", stichelt Steinberg. Und weil Frankfurter Bürger die Universität 1914 als eine Stiftung gegründet hatten, nennt Steinberg das alles auch ein "Comeback". Der Uni-Senat hatte diesen Weg bei einer Enthaltung einstimmig beschlossen. Selbst Kritiker halten den Präsidenten für einen gewieften Strategen. "Steinberg hat erfolgreich moderiert", sagt die Politik-Professorin Uta Ruppert. Die Dekanin der Gesellschaftswissenschaften sitzt in der 22. Etage eines heruntergekommenen Universitätsgebäudes mit Blick auf funkelnde Bankentürme. Ruppert sieht die Zwänge der Universität beim Streben nach Geld sowie guten Plätzen bei Rankings und Elite-Wettkämpfen. Sie fürchtet jedoch um die Kreativität, wenn sich alle nach den gleichen Kriterien strecken.
Banken als Namensgeber
"Die Zeiten sind widersprüchlich", sagt Ruppert. Die Uni buhlt um Spender wie nie. Doch gegen den bundesweiten Trend nutzte sie die neue Freiheit auch, um ihren Senat zu stärken - das klassische Selbstverwaltungsorgan, in das die Fachbereiche ihre Professoren entsenden. In Frankfurt ist der Senat nun ein mächtiges Gegengewicht zum Rat, in dem Externe sitzen, zum Beispiel Bundesbankchef Axel Weber und der ehemalige Chef der Deutschen Bank, Rolf Breuer.
Außerdem ist das gefühlte Comeback der Stifter bisher größer als die Wahrheit der Zahlen. Steinberg rührt am kollektiven Gedächtnis der Stadt, in der es eine große Tradition im Stiften gibt. Doch für das "House of Finance" überwies das Land 30 Millionen Euro - die Banken nur eine Million. Trotzdem tragen die Hörsäle die Namen von Kreditinstituten, nicht die von Steuerzahlern. Als Stiftungskapital wurden 115 Millionen Euro angehäuft; 83 Millionen kommen von Land und Stadt, 32 aus einem Bankierserbe. Stifterverband-Chef Arend Oetker sagt: "Die Summe klingt eindrucksvoll, doch ein genauer Blick rückt die Dinge zurecht." Der Zinserlös entspricht gerade einmal einem Prozent des Uni-Etats.
Honorarprofessor für Deutsche-Bank-Chef Ackermann
Doch selbst Kritiker transportieren unfreiwillig das neue Image. "Nun soll die Uni von Privatgeldern finanziert werden", warnen linke Studenten. Staatsfernes Geld ist aber kein Fluch: 1914 verliehen Mäzene der Universität Unabhängigkeit gegenüber der Obrigkeit. Heute halten viele allerdings nicht mehr die Obrigkeit, sondern die Ökonomie für die Macht, die der Welt ihren Stempel aufdrückt. Bei ihrer Gründung machte sich die Uni durch Rufe an sozialkritische Gelehrte einen Namen. Heute verleiht sie Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann eine Honorarprofessur. Zur Eröffnung eines gemeinsamen Forschungszentrums sagte ein Commerzbank-Vorstand: "Wir sind überzeugt, dass die Kooperation unser Privatkundengeschäft stärkt."
Präsident Steinberg verteidigt die Nähe zur Wirtschaft: "Wie wollen sie die Praxis kritisch reflektieren, wenn sie die Praxis gar nicht zur Kenntnis nehmen?" An der nahen Uni Mannheim gilt Frankfurt nun als scharfe Konkurrenz im Kampf um das beste Wirtschaftsprofil. In Frankfurt aber warnen Studentenvertreter, Firmen könnten die Uni zu stark prägen. Sie stoßen sich an den mehr als 30 Stiftungsprofessuren, die es vor allem in Pharmazie und in den Wirtschaftswissenschaften gibt. Als der Finanzinvestor 3i eine Professur für "Private Equity" stiftete, löste der AStA mit großer Resonanz Heuschrecken-Alarm aus.
Einsamer Mahner
Steinberg hält die Annahme für töricht, ein Stiftungsprofessor könnte Gefälligkeitsforschung betreiben: Er wäre in der Wissenschaft doch rasch unten durch. Der frühere Vorstand der Bildungsgewerkschaft GEW, Gerd Köhler, sagt dagegen, Sponsoren förderten kaum Querdenker zur eigenen Geschäftspolitik: "Man darf seine Seele nicht verkaufen." Köhler sitzt im Hochschulrat, bisweilen ist er dort ein recht einsamer Mahner. Doch auch Dekanin Ruppert glaubt, Stifter nähmen "starken Einfluss auf die Festlegung der Themen". Es drohe kein plumper Lobbyismus, aber eine schleichende Veränderung.
Nach einigen Jahren, wenn sich die Stifter zurückziehen, muss die Universität die Stiftungsprofessuren selbst finanzieren. Dann wird sie an anderer Stelle sparen müssen.
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(SZ vom 04.08.2008/jkr)
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