Die drei zentralen Elemente der Bildungsreform, wie sie die letzte Bundesregierung ins Werk gesetzt hat, werden offenkundig als Misstrauenserklärung des Staates an die Wissenschaft interpretiert: Die Dienstrechtsreform bedient mit der Einführung einer so genannten leistungsbezogenen Besoldung für Professoren den Mythos vom faulen Ordinarius (Artikel "Kohle"; "Ruf"); die Bologna-Beschlüsse zur Einführung eines modularisierten Studiums widersprechen der Selbsterfahrung vor allem von Geisteswissenschaftlern, die Zeit als wichtige Ressource für die gedankliche Kreativität erfahren ("Scheinerwerb"); und die Exzellenz-Initiative erscheint nur als letzter Kieselstein auf der Spitze eines unsinnigen Antragsbergs, den die Universität unter Eindruck der Drittmitteleuphorie von Wissenschaftsministern und Universitätspräsidenten aufhäuft (Artikel "Drittmittel", "Exzellenzcluster").

Anzeige

Kein Begriff wird so oft in den Artikeln des "Campus-Knigge" verhöhnt wie "Exzellenz"; nichts wird häufiger gewünscht als ein wenig Ruhe zum intensiven Forschen, unbehelligt von Verwaltungsaufgaben und universitätspolitischen Spielereien, von unproduktiven Konkurrenzen und den Eitelkeiten eines heißgelaufenen Betriebs (Artikel "Einzelschreibtischforscher").

Die "plätschernden Wellen ahnungslos nivellierender Bildungsreformen" und die "Kurzatmigkeit" der entsprechenden Maßnahmen wirken deswegen so bedrückend, weil das, was als Elite-Universität nach allen Kürzungen und Mittelstreichungen jetzt neu erschaffen werden soll, "vormals einfache Universität" genannt" wurde.

Der Vorschlag des Konstanzer Literaturwissenschaftlers Albrecht Koschorke zur Erzeugung von produktiver Stille (Artikel "Schweigen") wendet den Betrieb gegen sich selbst: "Es ließe sich leicht ein abgestufter DFG-Tarif finden: 150 Euro für jeden nicht gehaltenen Vortrag, 3000 Euro für jede aus dem Kalender gestrichene Tagung, einen Orden pour l'humanité für jeden ungeschriebenen Antrag, nicht zuletzt ein beträchtlicher Overhead für Hochschulen, die so vorausschauend und kühn sind, ihre Sonderforschungsbereiche zu schließen und den Professoren die Freiheit und Spontaneität zurückzugeben, damit sie forschen können, worüber sie wollen".

Der "Campus-Knigge" gehört zur Ratgeber-Welle, die seit den neunziger Jahren über Deutschland rollt und als Symptom verstanden werden muss. Die Deutschen haben ihre Verhaltenssicherheit verloren, und dafür gibt es viele Gründe. Nichts demonstriert so gut wie der explosionsartige Erfolg von Kochsendungen, dass die Selbstverständlichkeiten traditioneller Wissensvermittlung in der Familie nicht mehr funktionieren. Den Bewohnern der Universitäten geht es in den Labors und Bibliotheken nicht anders (Artikel "Ungleichheit") - ihnen ist die Selbstverständlichkeit ihres Tuns abhanden gekommen.

Und die Knigges versprechen, dass sie eben diese verloren gegangene lebensweltliche Souveränität durch den zynischen Hinweis auf die normative Kraft des Faktischen wieder herstellen. Wie in der Frühen Neuzeit, als Macchiavelli, Gracian & Co. das Subjekt auf die eigenen machtstrategischen Füße gestellt haben, als die gesellschaftlichen Bande spröde und die ideologischen Klammern rissig wurden, suchen auch heute die verunsicherten Akteure ihre innere Sicherheit im Äußerlichen und in der kühlen Beobachtung der neuen Verhaltensformen (Artikel "Kälte").

Der Forschungs-Elan scheint darunter zu leiden, wobei die Universität Kompensationsmöglichkeiten zur Verfügung stellt. Jedenfalls erfahren wir im Artikel "Ausschlafen": "Ist mit Abstand des Beste am Forscherdasein" (siehe auch "Zerstreutheit").

MILOS VEC (Hrsg.): Der Campus-Knigge. Von Abschreiben bis Zweitgutachten. Verlag C. H. Beck, München 2006. 240 Seiten, 16,90 Euro.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Hohn der Exzellenz
  2. Sie lesen jetzt Hohn der Exzellenz
Leser empfehlen