Profilneurotische Professoren, geschmäcklerische Gutachten und die verzweifelte Sehnsucht nach Ruhe: Der Campus-Knigge ist ein erschreckendes Dokument der akademischen Selbstdiagnose.
Deutschland ist verunsichert. Der Boom der Verhaltenslehren verweist auf die Orientierungslosigkeit in einer Gegenwart, die ihre Hoffnungen auf Machiavellis für Frauen, Handreichungen für stilvolles Verarmen und Knigges für alle Lebenslagen setzt. Diese Ratgeber enttarnen ideelle Werte oder schöne Programme als Oberflächenzauber und zeigen, dass die Wirklichkeit ganz anders funktioniert: härter, ungerechter und liebloser, als es uns gemeinhin recht ist.
So fangen akademische Karrieren an: Erstsemester in einem überfüllten Hörsaal an der Uni Magdeburg. (© Foto: ddp)
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Die Ratgeberflut für überforderte Eltern mitsamt der TV-Begleitung durch "Die Super-Nanny" demonstriert, dass Nettigkeit und gut gemeinte Gespräche den Nachwuchs nicht unbedingt zu brauchbaren Mitgliedern unserer Gesellschaft machen und dass es Erfolgsstrategien der Verhaltensregulierung gibt, die das genaue Gegenteil von demokratisch ausgeglichener Mitbestimmung sind. Das "Lob der Disziplin" des ehemaligen Salemer Internatsdirektors Bernhard Bueb stellt die intellektuelle und seriöse Variante der RTL II-Pädagogik dar und wurde daher begeistert aufgenommen.
Diesen Ratgebern tritt nun der "Campus-Knigge" an die Seite, ein universitärer Benimmkurs in mehr als 180 Artikeln (Stichwort: "SPU" = Smallest publishable unit). Der "Campus-Knigge" greift zunächst die Tradition der Universitätssatiren auf und versammelt das bekannte Arsenal der Gelehrtenkritik: Ja, die Professoren sind noch immer nicht gut gekleidet, weil ihnen das Nachdenken keine Zeit zum Blick in den Spiegel lässt (Artikel "Aussehen, männlich", "Aussehen, weiblich", "Kluft"); ja, sie sind ungesittet ("Bürstenkurs") und profilneurotisch im geselligen Umgang ("Betreuung", "Eitelkeit"); sie sind eigensinnig, wenn es um die leichtfüßige Konversation zum Zeitvertreib geht ("Frühstück", "Weltfremdheit"); sie meinen englisch sprechen zu müssen, können es aber nicht ("Aussprache", "Globalesisch"); und ja, die erfolgreichsten Wissenschaftler sind oft die geschicktesten, nicht aber die intelligentesten und fleißigsten ("Aufhübschen", "Berufungsverfahren", "Cleverness", "Matthäus-Prinzip", "Whistleblower") - die universitären "Auswahlverfahren", so der entsprechende Artikel, dienen im wesentlichen der "Legitimierung des Illegitimen durch ritualisierte Prozeduralisierung", vulgo: durch unsinnige Kommissionssitzungen und geschmäcklerische Gutachten.
Der "Campus-Knigge" belebt eine Tradition der Studienratgeber wieder, die Wissenschaft nicht mit einer Ansammlung von reinen Begriffen und glasklaren Theorien oder mit der Produktion von wahrem Wissen im leeren Raum unter idealen Bedingungen verwechseln. Diese akademischen Verhaltensanweisungen verstehen Forschung statt dessen als Teil einer Praxis, in der viele Faktoren eine Rolle spielen: Dazu gehört sicher auch das Streben nach dem überzeugenden Argument, nach der Wahrheit und nach plausiblen Gründen (Artikel "Streber"); dazu gehören aber auch eingeschliffene Arbeitsformen, die auf langjähriger Erfahrung beruhen und mehr mit Routinen als mit Reflexionen zu tun haben; und dazu gehört der Neid auf den Kollegen, der Ehrgeiz, die Liebe zur Sache oder die Verfahren des Reputationsmanagements ("Ordinarius", "Professorengattin", "Queenbee", "Silberrücken").
Freilich vermisst man hier ein wenig das pragmatische Niveau, das Campus-Knigges früherer Zeiten zu bieten hatten. "Der Göttinger Student" etwa, eine Sammlung von "Belehrungen" über das "Studentenleben" von 1813, informiert zwar auch über die "Lehrer und Vorlesungen"; im Zentrum stehen jedoch Hinweise auf die "Anschaffung der nötigsten Geschirre und Sachen", zum "Stiefelputzer, der Wäscherin, dem Friseur" oder auf die "Besorgung des Frühstücks".
Man sollte den "Campus-Knigge" daher vielleicht weder als Gelehrtensatire lesen noch sich davon eine hilfreiche Handlungsanweisung versprechen. Vielmehr ist in diesem Buch das erschreckende Dokument der akademischen Selbstdiagnose zu erkennen. Der "Campus-Knigge" vermittelt ein Bild über den Zustand der deutschen Universität aus der Perspektive ihrer Protagonisten. Diese kommentieren hämisch bis sarkastisch die jüngeren Entwicklungen und können dem akademischen Alltagsgeschäft, das sie als Forschungsverhinderungsbetrieb wahrnehmen, wenig Positives abgewinnen.
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