Von Christoph Hickmann

Die Mainzer Uni verzichtet auf Gebühren - nun wird sie für Studenten aus den Nachbarländern attraktiver. Doch die Qualität der Lehre könnte leiden.

Eine Dreiviertelstunde noch, dann geht es los, 75 Minuten lang, es wird um Biologie gehen, den gesamten Stoff des ersten Semesters. Sie sitzen auf einer kleinen Mauer, gegenüber hocken die Juristen und die Wirtschaftswissenschaftler im Café.

Protest gegen Studiengebühren

Protest gegen Studiengebühren in Wiesbaden (© Foto: dpa)

Anzeige

Es ist ein schöner Morgen auf dem Campus der Universität Mainz, und Jasmin Schumacher, 20, hat vor der Klausur noch ein bisschen Zeit zum Reden, genau wie neben ihr Charlotte Eisner, 21. Es geht um Studiengebühren, darum, dass es sie in Mainz nicht gibt, und Jasmin Schumacher sagt: ,,Finde ich astrein.'' Charlotte Eisner sagt: ,,Ein schöner Zufall eben.''

Nicht deshalb nämlich studieren sie in Mainz Medizin, weil hier das Studium kostenlos ist, sondern schlicht, weil die ZVS sie hergeschickt hat, aus Köln und aus Schleswig-Holstein. Mainz war nicht ihre erste Wahl, doch jetzt sitzen sie hier und lachen, weil sie Glück gehabt haben und weil es ein paar Kilometer weiter östlich vorbei ist mit diesem Glück.

Rheinland-Pfalz, SPD-regiert, hat bisher keine Studiengebühren eingeführt. In Hessen, regiert von der CDU, werden Studenten sie in diesem Wintersemester erstmals bezahlen müssen, 500 Euro pro Halbjahr. Die Landeshauptstädte Mainz und Wiesbaden trennt der Rhein; man wechselt von der einen auf die andere Seite, wähnt sich noch in der gleichen Stadt und ist doch bereits in einem anderen Bundesland.

Die Sache mit den Studiengebühren sieht also rein geographisch eher kurios aus. Sie ist aber schlicht ein gutes Beispiel dafür, dass der Föderalismus spürbare Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern hervorbringt.

Hessischer Zorn

In Hessen hat es viel Protest gegeben, bevor der Landtag das Gebührengesetz beschloss. Studenten demonstrierten, versuchten Autobahnen zu blockieren, zogen durch Frankfurt und forderten im Wissenschaftsministerium ihr Recht ein, dort die Presse über ihre Sicht zu informieren.

SPD und Grüne haben inzwischen Klage gegen das Gesetz eingereicht - es widerspreche der hessischen Verfassung, die freien Zugang zu Bildung garantiere. Parallel dazu läuft eine sogenannte Volksklage, für die ein breites Bündnis von Gebührengegnern 62000 Unterschriften sammelte. Studenten versuchen, die Gebühren zu boykottieren, Wissenschaftsminister Udo Corts und Ministerpräsident Roland Koch avancierten zu den Hassfiguren der Protestierer. In Rheinland-Pfalz aber ist es ruhig.

Man freut sich auf dem Mainzer Campus, dass man nicht zahlen muss, doch es ist nicht einfach, Gebührenflüchtlinge zu finden, die gewechselt haben, weil sie hier nicht zahlen müssen. Die beiden jungen Männer zum Beispiel, drinnen in der Cafeteria: Einer kommt aus der Nähe von Aschaffenburg, einer aus Osthessen, doch nach der Frage, ob sie ihre Gebührenländer gezielt Richtung Mainz verlassen haben, lachen sie nur: Ihren Studiengang gibt es nur hier, biomedizinische Chemie. ,,Ich habe aber schon Bekannte, die nach Mainz gekommen sind, weil es hier nichts kostet'', sagt einer.

Das ist die Kehrseite der Gebührenfreiheit: Rheinland-Pfalz ist eingekreist von Gebührenländern. In Hessen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und im Saarland müssen Studenten zahlen oder werden künftig zahlen müssen. Wer das Geld nicht hat oder es nicht ausgeben will, könnte also über die Grenze flüchten.

Noch ist davon kaum etwas zu spüren. Zwar verzeichnete Rheinland-Pfalz zum Sommersemester als eines von wenigen Flächenländern einen Anstieg der Studentenzahlen, doch handelte es sich nach Angaben des Wissenschaftsministeriums ,,lediglich um ein paar hundert''. Der große Ansturm ist bisher ausgeblieben, und noch, heißt es im Ministerium, sei es ,,zu früh, um Alarm zu schlagen oder zu sagen, dass die große Welle an uns vorbeigehen wird''.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Grenzerfahrungen
  2. Seite 2
Leser empfehlen