Hochschulen in Zeiten knapper Kassen: Die einen scheffeln Geld mit Aufträgen aus der Wirtschaft, andere verdienen ein paar Cent mit ihren Computerdruckern.
Köln Arm und reich liegen manchmal nah beieinander, selbst an ein und derselben Universität. Wobei "arm" nichts Schlimmes bedeuten muss. Es kann auch heißen, dass eine Fakultät einfach nur weniger Geld, Ausrüstung oder Platz hat als eine andere. Das weckt Begehrlichkeiten oder beschwört Verteilungskämpfe herauf. Warum, fragen sich dann Studenten und Professoren, soll die eine Fakultät mehr Geld für Forschung und Lehre haben als die andere? In Köln fragen sie sich das besonders oft.
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Seit 30 Jahren arbeitet Clemens Hennes an der Kölner Uni. Er sagt: "So schlecht wie im Moment ging es uns noch nie." Hennes ist akademischer Direktor und leitet das Rechenzentrum der Erziehungswissenschaftler. Das ist ein schmaler Raum mit etwa 30 Computern, der an diesem Mittag bis auf den letzten Platz gefüllt ist. Hennes geht an den Studenten vorbei zum Drucker und lupft kurz einen Stapel kostenpflichtiger Ausdrucke hoch, so als wolle er fühlen, wie viele es diesmal sind: "Wir leben praktisch von dem, was die drucken", sagt er. Mit "die" meint er die Studenten. Hennes meint das nicht abschätzig. Er sagt das absichtlich so, damit der Missstand klar wird.
15 Cent zählen
So weit ist es mit den Universitäten gekommen, soll das heißen. Der Staat hat so wenig Geld für die Bildung übrig, dass einzelne Fakultäten selbst auf winzigste Beträge der Studenten angewiesen sind. Und seien es die 15 Cent, die jeder Computer-Ausdruck, ob Literatur-Recherche oder Privatkorrespondenz, einbringt. Ganz davon abgesehen, dass in Nordrhein-Westfalen (NRW) vom Sommersemester 2004 an Studiengebühren für Langzeitstudenten fällig werden. Vorbei die Zeit, da die Alma Mater noch bereitwillig wissensdurstige Kehlen stopfte. Leistung, Ergebnisse sind gefragt.
Die Misere der öffentlichen Haushalte geht an den Studierenden nicht spurlos vorbei. Im Räderwerk der Universität werden sie zu kleinen ökonomischen Größen. Protestiert wird dagegen an den Unis im Westen schon lange nicht mehr. Selbst von den medienwirksamen Nackt-Demonstrationen in Berlin Ende vergangenen Jahres hat man sich nicht anstecken lassen. NRW, das studentenreichste Bundesland, schiebt einen Investitionsstau von 2,5 Milliarden Euro vor sich her - völlig ungewiss, wann dieser Stau aufgelöst wird.
Und trotzdem sind die 3000 Euro, die die Kölner Erziehungswissenschaftler mit den Ausdrucken im Jahr einfahren, relativ viel Geld. Denn für Sachausgaben wie Reparaturen sind im Haushalt der Fakultät nur 2400 Euro veranschlagt. Dass selbst beide Summen zusammengenommen kaum ausreichen dürften, um das Nötigste zu erledigen, zeigt sich überall. Wo jetzt die 30 Computer stehen, war früher eine Waschküche. Danach riecht es nicht nur, es sieht auch so aus. An den Wänden zeugen beige Kacheln davon. Auf den Fensterläden liegen dicke Bündel Stromkabel, die darauf warten, irgendwann verlegt zu werden.
Gnadenlose Verteilungskämpfe
Es ist nicht so, dass dies in Köln niemanden stören würde. Der Protest kommt nur nicht von den Studenten, sondern er wird hinter den Kulissen vorgetragen. Oder besser: wurde vorgetragen. Zwei Jahre lang machten Professoren und Dekane der Erziehungswissenschaftler und Heilpädagogen ihrem Unmut Luft, ehe im vergangenen November ein für die Universität Köln einmaliger Kompromiss besiegelt wurde. Von 2004 an erhalten die beiden "ärmeren" Fakultäten für fünf Jahre mehr Geld. Insgesamt eine Million Euro. Geber sind die Naturwissenschaftler, vor allem die Mathematiker, die Juristen und die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler. Eine Menge Geld, wenn man bedenkt, dass vom Gesamtetat der Universität von 260 Millionen Euro wegen der hohen Personal- und Fixkosten nur etwa fünf Prozent flexibel verfügbar sind, rund 13 Millionen Euro.
Professor Klaus Künzel, Dekan der Erziehungswissenschaftler, grinst, während er die harten Verhandlungen mit denen auf dem letzten EU-Gipfel in Brüssel vergleicht. Aber ernst meint er das schon. "Ein Dekan ist ein Egoist", resümiert der Dekan und rechtfertigt damit ein wenig seine eigene Verhandlungsposition.
Das zeigt einerseits, wie gnadenlos Verteilungskämpfe selbst unter Akademikern ausgetragen werden können. Andererseits sieht Künzel, der zu den gesprächsbereiteren Vertretern seiner Zunft zählt, selbst, wie viel Rationalisierungspotenzial noch in seiner Fakultät steckt. Er holte sich eine Unternehmensberatung ins Haus, die unter anderem untersucht, ob die Räume effizient genutzt werden, wo es Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Dass nicht jedes Seminar das gleiche Buch bestellen und eine eigene Bibliothek unterhalten muss, das findet Künzel völlig akzeptabel.
Viele Studenten - eine Leistung?
Köln steht nicht nur exemplarisch dafür da, wie unerbittlich an der Uni um Geld gefochten werden kann. Dort zeigt sich auch so deutlich wie an kaum einer anderen Universität, wie eng der Zusammenhang zwischen der Zahl der Studierenden und der finanziellen Not einer Hochschule ist.
Die Kölner Uni zählt zu den überfülltesten Hochschulen Deutschlands überhaupt, und das seit mehr als 20 Jahren. Ursprünglich wurde sie für 20.500 Studierende gebaut, inzwischen tummeln sich aber 62.000 Jung-Akademiker an insgesamt sieben Fakultäten. Offiziell jedenfalls. Vielleicht sind es aber auch nur 58.000 Studenten, sagt Professor Heinrich Schradin, Versicherungswissenschaftler und Prorektor für Finanzen. Genau ermitteln lässt sich das offenbar kaum. Da gibt es solche, die an mehreren Fakultäten eingeschrieben sind, und solche, die zwar immatrikuliert sind, aber gar nicht studieren.
Doch wenn die Dekane streiten, dann auch immer über die Zahl der Studierenden. Kein Wunder, denn das Land NRW hat in seinen Vergabeschlüssel als eines von vielen Kriterien die Zahl der Studierenden aufgenommen. Verständlich, dass der Erziehungswissenschaftler Künzel Köln als "das Zentrum der Lehrerausbildung" preist, "nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa". 15.000 Lehramtsstudenten gibt es in Köln.
Horst Schellhaaß, Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler (Wiso), veranlasst das nur zu einer lakonischen Frage: "Dass da viele Studenten sind - ist das eine Leistung?" Ausschlaggebend für die Mittelzuweisungen könne das ebenso wenig sein wie die Zahl der Promotionen. Sonst bräuchte man die Doktoranden ja nur durchzuwinken.
Schellhaaß ist Ökonom durch und durch. Als Leiter der bundesweit angesehenen Wiso-Fakultät hat er einen Ruf zu verteidigen. "Wir führen unsere Fakultät wie ein Unternehmen", erklärt er. So sorgt das Dekanat dafür, dass sich Vorlesungen inhaltlich nicht überlappen. Es achtet auf eine hohe Auslastung der Hörsäle. Gremiensitzungen gibt es so selten wie möglich, damit sich die Professoren um ihre eigentlichen Aufgaben, Forschung und Lehre, kümmern können. Wissenschaftliche Mitarbeiter, die in einer angesehenen Zeitschrift veröffentlichen, erhalten Prämien. Und in Fragebögen dürfen die Studenten einmal im Jahr anonym angeben, ob das Lehrangebot ihren Erwartungen entspricht. Notfalls wird das Niveau angepasst. Schellhaaß: "Wir rationalisieren jedes Jahr."
Was trifft dich?
Effizienz und Zielorientierung haben die Wiso-Studenten verinnerlicht. Manche sitzen mit Laptop auf den Knien vor dem überfüllten Hörsaal. Auch am Freitagnachmittag ist die Aula bis auf den letzten Platz besetzt. In den Gängen sind Plakate zu sehen, auf denen Unternehmensberatungen, Banken und Versicherungen Praktika anbieten. Bei den Erziehungswissenschaftlern baumelt dagegen ein selbst gemachtes Transparent von der Decke: Ein Aufruf, an der Vollversammlung teilzunehmen, zum Thema Sozialabbau: "Was davon trifft Dich?"
Dass ökonomisiertes Denken bei Professoren und Studenten in der Erziehungswissenschaftlichen oder Heilpädagogischen Fakultät nicht weit verbreitet sein muss, dafür hat Prorektor Schradin Verständnis. "Eine Universität kann nicht nur Output-orientiert verfahren", sagt er. Aber wie soll man dann die Qualität von Lehre und Forschung messen?
Naturwissenschaftler, Juristen und Wirtschaftler können anwendungsnah forschen und so den "Wert" ihrer Arbeit ermitteln. Viele Professoren in Köln gründen daher so genannte An-Institute: von Unternehmen finanzierte, zeitlich begrenzte Forschungsprojekte. Dadurch fließen Drittmittel in den Lehrstuhl, für wissenschaftliche Unabhängigkeit muss jeder selber sorgen.
Den Pädagogen bleibt dieser Weg meist verschlossen, nur äußerst selten eignen sich ihre Lehrinhalte dazu. Die Heilpädagogen könnten vielleicht, so Schradin, private Mittel für die Hirnforschung erhalten, sobald diese praxisrelevant würde. Das zumindest wäre eine Vision - geboren aus der Einsicht, dass sonst keiner helfen wird.
(SZ vom 3.1.2003)
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