Von Von Marco Finetti und Christine Burtscheidt

Kaum eine deutsche Uni kann mehr alle Fächer anbieten. Die schon vollzogenen oder geplanten Fusionen dienen vor allem der Haushaltssanierung.

Zwei Universitäten, die vor Gericht gegen eine "Zwangsehe" klagen; ein Gründungsrektor, der entnervt das Handtuch wirft; Studenten und Professoren, die den Öffentlichen Nahverkehr lahm legen: Die erste Fusion zweier Hochschulen in Deutschland stand zu Anfang nicht unter einem guten Stern.

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Das Ruhrgebiet war im Winter 2002/2003 Schauplatz einer erbitterten Abwehrschlacht. Sie richtete sich gegen den Plan des nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministeriums, die Gerhard-Mercator-Universität Duisburg und die Universität Essen zur "Universität Duisburg-Essen" zu vereinigen.

Erst als die Klagen dagegen vor Gericht scheiterten und zugleich mit einer neuen Wissenschaftsministerin in Düsseldorf und einem neuen Gründungsrektor auch ein besonnenerer Ton in die Auseinandersetzung kam, konnte das ehrgeizige Unternehmen beginnen.

Die Stärken der beiden nur zwanzig Kilometer voneinander entfernten Hochschulen zu bündeln, ihr Profil im nationalen und internationalen Wettbewerb zu schärfen und zugleich überflüssige und vor allem teure Doppelangebote in Forschung und Lehre abzubauen - das war die Idee, die hinter der ersten Uni-Fusion hier zu Lande stand.

Diese Idee ist im Grunde nicht neu: Schon Mitte der Sechzigerjahre sprach sich der Wissenschaftsrat, das wichtigste hochschulpolitische Beratungsgremium von Bund und Ländern, für "inhaltliche Schwerpunktsetzungen" an den Universitäten aus.

Trendwende Ende der Neunzigerjahre

Weitsichtige Wissenschaftler mochten damals bereits an Fusionen denken - nicht aber die Politik. Die Bildungsexpansion erlebte ihre Blütezeit, Hochschulgründungen waren ein Lieblingsinstrument regionaler Strukturpolitik.

Erst Ende der Neunzigerjahre kam die Trendwende - und zwar zunächst aus den Hochschulen selbst heraus. Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) läutete 1998 den "Abschied von der Voll-Universität" ein. Angesichts der dramatischen Unterfinanzierung, aber auch der weltweiten Wissensexplosion könne keine Hochschule auf Dauer mehr ein vollständiges Fächerspektrum anbieten. Vielmehr seien künftig "mehr Profilbildung, Kooperation und Konzentration" erforderlich, so die Rektoren.

Inzwischen hat längst die Politik den Hochschulen das Heft aus der Hand genommen. In einer Reihe von Bundesländern sind Hochschulfusionen geplant oder bereits in die Wege geleitet, eine Ebene darunter arbeiten immer mehr Hochschulen in einzelnen Studiengängen und Forschungszweigen zusammen. Dies diene zuallererst der wissenschaftlichen Stärkung, betonen die Landesregierungen.

Mindestens ebenso dient es jedoch der Haushaltssanierung. In Niedersachsen etwa soll aus der Universität Lüneburg und der ebenfalls dort beheimateten Fachhochschule Nordostniedersachsen eine Hochschule entstehen, deren Studiengänge komplett auf neue Bachelor- und Master-Abschlüsse umgestellt werden.

Die Fusion ist freilich auch Teil eines Pakets, mit dem die Landesregierung in Hannover allein 2004 mehr als 40 Millionen Euro einsparen will. Auch beim Plan des Hamburger Wissenschaftssenator Jörg Dräger, die gewerkschafts- und berufsnahe Hochschule für Wirtschaft und Politik (HWP) im kommenden Jahr der Universität Hamburg anzugliedern, spielen Geldfragen eine große Rolle.

Und in Berlin drohten Senat und Abgeordnetenhaus den drei ausgebluteten Universitäten mit der Schließung mindestens einer Hochschule, bis sich Humboldt-, Freie- und Technische Universität Ende Juni darauf einigten, ihre Fächer aufeinander abzustimmen - und bis 2009 insgesamt 75 Millionen Euro einzusparen.

In München will die Staatsregierung eine Fusion nach eigenem Bekunden nicht nutzen, um den Haushalt zu sanieren. Das wurde beiden Hochschulleitungen bereits zugesichert. Vielmehr dürften sie die Gewinne, die aus einer Zusammenführung von Fächern entstünden, für Neuerungen nutzen.

Auch wirbt man mit einer rechtlichen Unabhängigkeit für die Universitäten, wie es sie an internationalen Elitehochschulen gibt. Ob es jedoch zu einer wirklichen Fusion wie in Duisburg-Essen kommen wird, steht noch völlig in den Sternen. Vorerst empfahl die Kommission des Wissenschaftsministeriums, sich in der Lehre anzunähern. In gemeinsamen Schools sollen die Universitäten schon einmal zusammen Kurse anbieten.

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(Süddeutsche Zeitung vom 15.09.04)