Hart nach unten, mild nach oben: Schon wer eine Büroklammer entwendet, muss mit einer Kündigung rechnen. Manager haben dagegen meist nichts zu befürchten.
Vor dem Gesetz sind nicht alle Menschen gleich. Es gibt welche, die sind gleicher und andere, die nicht nur gleicher, sondern viel besser dran sind. Das kann man an jedem Tag in jedem Strafgericht beobachten. Der Ton am Amtsgericht ist, gelinde gesagt, robust - jedenfalls dann, wenn gegen Angehörige der unteren sozialen Schichten verhandelt wird. Mit der Höhe der sozialen Stellung des Angeklagten ändern sich Tonlage, Verhandlungsklima und Verhandlungsergebnis.
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Wirklich blind, wenn es um die soziale Stellung der Angeklagten geht? Die Justiz behandelt Angehörige der Unterschicht anders als wichtige Manager. (© ddp)
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Der Arbeitslose, der sich nebenbei dreitausend Euro verdient hat, kann froh sein, wenn er mit einer Bewährungsstrafe davonkommt. In Wirtschaftsstrafsachen kann der Manager damit rechnen, dass Straftaten mit x-fach höherer Schadenssumme als unerheblich aussortiert werden. "Fällt nicht beträchtlich ins Gewicht", heißt es dann zur Begründung (bei Prominenten wird neuerdings nicht mehr ganz so großzügig verfahren). Das deliktische Handeln des Arbeitslosen aber gilt stets als "sozialschädlich" - und schreit daher nach harter Strafe.
Im Arbeitsrecht gibt es diese Unterschiede auch. Dort heißt der Differenzierungsbegriff "Vertrauen". Wenn der kleiner Verkäufer einer kleinen Bäckereifiliale, Vater von zwei Kindern, im Lager einen Becher Milch austrinkt, Wert 59 Cent, Ablaufdatum schon überschritten, darf er fristlos gekündigt werden - das Vertrauen des Arbeitgebers ist angeblich rettungslos zerstört.
Rechtlicher Automatismus
Bei kleinen Angestellten gibt es nämlich einen rigorosen rechtlichen Automatismus zwischen Bagatelldelikt und fristloser Kündigung. Dieser Automatismus wird aber mittlerweile auch in der Fachliteratur heftig kritisiert: Achim Klueß, Vorsitzender Richter am Landesarbeitsgericht Berlin, meinte jüngst in der Fachzeitschrift Arbeit und Recht, dass nach den geltenden Kriterien selbst wegen der "Mitnahme einer einzigen Büroklammer" fristlos gekündigt werden könnte.
Schon beim kleineren und mittleren Management ist das freilich ganz anders, da stellt sich die Verhältnismäßigkeit wieder ein, in den Führungsetagen gleich gar. Da reicht es keinesfalls für eine Kündigung aus, dass auf Dienstkosten privat getankt wurde. Es geht ja um Benzin, nicht um, siehe oben, abgelaufene Milch.
Vertrauen ist schnell dahin
Einem GmbH-Geschäftsführer wurde vorgeworfen, mit der Firmen-Kreditkarte Privatausgaben von 83,95 Euro gemacht zu haben. Das Oberlandesgericht Celle hielt dazu milde fest: Das sei "angesichts des geringfügigen Betrages nicht geeignet, eine außerordentliche Kündigung zu rechtfertigen".
Bei den Zivilgerichten geht es, wenn sie die gehobenen Streitigkeiten gehobener Herrschaften zu beurteilen haben, moderat zu. Da ist das Vertrauen nicht so schnell dahin - und bei den Beamten ist es ähnlich. Die Verwaltungsgerichte, die über die Disziplinierung von straffälligen Beamten zu entscheiden haben, wissen das Verhältnismäßigkeitsprinzip sorgfältig anzuwenden.
Bei Beamten muss es dick kommen
Das Beamtenverhältnis ist zwar ein ganz besonders intensives Vertrauensverhältnis - aber da muss es schon ganz, ganz dick kommen, auf dass der Dienstherr und die Gerichte von der irreparablen Zerstörung des Vertrauens sprechen. Als jüngst bekannt wurde, dass hohe Richter und Staatsanwälte Leistungen der justizeigenen Autowerkstatt kostenlos in Anspruch genommen haben, passierte: gar nichts. Man hörte von zwei freiwilligen Spenden in Höhe von 500 und tausend Euro.
Das Recht ist auch für die Schwachen da. Das ist ein eigentlich selbstverständlicher Satz. Vielleicht wird das Selbstverständliche aber nun allmählich wieder selbstverständlicher als bisher: Seit der bundesweiten Kritik an der Emmely-Kündigung haben sich etliche Arbeitsgerichte bei Krimskrams-Kündigungen wieder auf die Seite der gekündigten Arbeitnehmer gestellt.
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(SZ vom 10.06.2010/holz)
PC-Rollenspiel
(nicht dass Prantl seine Ironie und seinen Witz je erreichen könnte)
Riehl-Heyse: „Ich glaube überhaupt nicht, dass die öffentliche Aufgabe der Tageszeitung zwangsläufig an die so genannte Objektivität gebunden ist – im Gegenteil, wenn ich diese Aufgabe der Presse recht verstehe, so besteht sie in verschiedenen Funktionen: Informations-, Artikulations-, Kontroll-Funktion. Alle drei würden von einer Zeitung, deren oberstes Prinzip die Herstellung völliger Objektivität wäre, nicht erfüllt und zwar vor allem deshalb, weil sie dem Leser vormacht, dass es die chemisch reine Objektivität gäbe, dass die Welt genauso funktioniere, wie sie in solchen Zeitungen erscheint als Nachricht....Deshalb „bin ich sicher, dass die vorsätzliche Subjektivität des Beschreibenden für den Leser hilfreicher und ehrlicher ist. Hilfreicher, weil er auf diese Weise Dinge erfahren kann, die in einer ‚objektiven’ Nachricht schon aus lauter Vorsicht nicht unterzubringen wären, ehrlicher, weil der Autor erst gar nicht den Eindruck zu vermitteln versucht, er schreibe die einzig wahre, gültige Geschichte über diesen oder jenen politischen, kulturellen, gesellschaftlichen Vorgang. Ideal wäre es in diesem Sinne, wenn der Leser am Schluss des Artikels genau wüsste, dass er nichts anderes gelesen hat, als die ganz persönliche Sicht eines bestimmten Schreibers, und dass er es trotzdem nützlich fand, sich gerade mit dieser Sicht auseinanderzusetzen."
Dass einen diese Subjektivität schnell in Orwellsche Abgründe führen kann liegt auf der Hand und verlangt nach einem gefestigten Charakter wie bei Riehl-Heyse.
Das ist eben auch der Unterschied zu Prantl.
Du hast eines nicht verstanden (und wirst es auch nie): "NULL" kann man nicht messen. Deinen Maßstäben nach ist schon 1 Millisekunde Nichtstun außerhalb der Pause ein Diebstahl und gehört mit Kündigung bestraft.
Ah, und nochwas: Schneller, als jeder Arbeitgeber rationalisieren kann, ist der Bevölkerungsrückgang. Schon heute man man sich - so man nicht ganz so doof ist - unter mehreren Arbeitsplätzen den besten aussuchen. Das wird sich in den nächsten 10 Jahren noch massiv weiter verschlechtern (für die AG). AG die so etwas anstellen, sind dann auf Jahre raus aus dem Rennen (bei den guten Leuten). Vielleicht denkst Du darüber mal nach. Irgendwann.
Es geht um einen ganz konkreten Fall.
Aus Prantls eigener Redaktion kam der Artikel über die weiteren Hintergründe, oder nicht?
In diesem Fall wurde anscheinend einer Mitarbeiterin von der Gekündigten unterstellt, sie hätte die Pandbons unterschlagen.
Das wäre tatsächlich eine infame Tat.
Mit einem Kollegen, der mir solches unterstellen würde, wollte ich auch nicht mehr zusammenarbeiten.
UNd was soll das mit dem Benzinabzwacken? Prantl hat keinen Firmenwagen? Oh Gott, wie knausrig vom Verlag. Wo er doch der größte Schreiber unter der Sonne ist!
In den meisten Dienstwagenüberlassungsvereinbarungen ist geregelt, wie das Benzin abzurechnen ist. Wenn es die Firma erlaubt, ist das auch für Privatfahrten ok. Schließlich werden die Dienstautos auch versteuert.
man hat also auf der einen seite kündigungen, die auf diebstahl u.dgl. beruhen, die als ungerechtfertigt angesehen werden.
auf der anderen seite hat man investmentfiremen deren manager im auftrag der geldgierigen sparer teilweise hoch spekulative investitionen vornehmen. wird die rendite ausgezahlt, ist alles gut und der sparer kriegt den hals nicht voll. geht die kohle verloren, ist der investmentbanker der böse dieb, der an die wand gestellt gehört. in diesem fall war's im worst case immer der andere.
ist ja dolle logik hier.
@RA Kienitz Im Gegenteil, SIE irren. Ein Arbeitgeber, der seinen Mitarbeitern vertraut und eine wirkliche Autorität ist , wird geliebt werden von ihnen. Er ist ein großzügiger Mensch, der von vorneherein es seinen Mitarbeitern erlaubt, sich nach der Schlacht am kalten Buffet ebenfalls daran zu bedienen. Wir aber leben leider in einer Misstrauenskultur, in der die unterschiedlichsten Bigotterieszenarien ungehindert ausgelebt werden können. Diese albernen, vor Gericht ausgetragenen Geschichten von den für den Schweinetrog bestimmten Maultaschen, die eine Altenpflergin aß oder die hier behandelte, zeigen Geiz und Kleinkariertheit, sind Ablenkungsmanöver von den Schurkentaten der "Elite", die uns als Volk ungeniert beklaut und keinerlei Sanktionen erfährt. - Schauen Sie, es gibt Eltern, die als großes Problem mit ihrem Kind angeben, dass dieses ihnen immer Geld aus dem Portemonnaie klauen würden. In meiner Familie trat die Schwierigkeit erst gar nicht auf.. Warum? Unseren Kindern haben wir gesagt, dass sie sich Geld für Schulsachen, aber auch zur Realisierung eines kleinen Wunsches auch ungefragt nehmen können und uns später möglichst darüber informieren sollten. Und wenn sie das mal vergessen sollten, die Welt auch nicht untergehen würde. Noch nie hat eines der Kinder geklaut und das hat was mit Vertrauen und eigener Gelassenheit zu tun, die wir ihnen von vorneherein entgegenbrachten.
Sie fühlen sich ernst genommen und geborgen bei uns. Könnte das nicht ein Vorbild für die Firmen sein?
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