Von Von Marco Finetti

Hausaufgabenpensum, Handy-Rechnung: Schüler sollen mit Anwendungen aus ihrem eigenen Alltag lernen, wie wichtig Mathematik im Alltag ist.

Zu abstrakt, zu kompliziert, voller Zahlen und Modelle, ohne Bezug zum täglichen Leben: Die Vorurteile gegen die Mathematik sind alt, auf der Liste der unbeliebtesten Unterrichtsfächer steht sie seit Schüler-Generationen meist ganz oben.

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Was für Abc-Schützen mit Zahlenspielen und bunten geometrischen Figuren scheinbar leicht beginnt, wird für viele Schüler von der fünften Klasse an immer undurchsichtiger und interessiert am Ende der zehnten Klasse die meisten nicht mehr.

An diesem schlechten Ruf des Faches kam niemand vorbei - nicht die Kultusminister der 16 Bundesländer, die nach dem Pisa-Debakel unter anderem für die Mathematik einheitliche Bildungsstandards in Auftrag gaben, und nicht die Wissenschaftler, die diese erarbeiteten.

Die nun verabschiedeten "Bildungsstandards im Fach Mathematik für den Mittleren Schulabschluss" sind - wie die ebenfalls abgesegneten Standards für Deutsch und die erste Fremdsprache Englisch oder Französisch (alle abrufbar unter dem unten genannten Link) - in drei Teile gegliedert: Sie legen zunächst fest, welchen Anteil das jeweilige Fach an der Allgemeinbildung hat.

Im zweiten Teil beschreiben die Standards drei "Kompetenzniveaus" und die allgemeinen Anforderungen, die die Schüler am Ende der zehnten Klasse erfüllen müssen, um

einfaches Wissen wiederzugeben (Reproduzieren, Niveau 1),

Gelerntes selbstständig anzuwenden (Zusammenhänge herstellen, Niveau 2)

sowie komplexe Sachverhalte zu bewerten und eigene Problemformulierungen und -lösungen zu entwickeln (Verallgemeinern und Reflektieren, Niveau 3).

Der abschließende Teil präsentiert für alle drei Kompetenzstufen eine Reihe von Musteraufgaben. Sie sollen von allen Schülern am Ende der Sekundarstufe eins gelöst werden können, ganz gleich, ob diese in Köln, München oder Leipzig zur Schule gehen.

Eine bundesweit einheitliche Abschlussprüfung sollen die Aufgaben aber nicht darstellen.

Die Bildungsstandards für Mathematik versuchen nun gleich im ersten Teil, den zahlreichen Vorurteilen gegen das Fach zu begegnen.

Die "Mathematik mit ihrer Sprache, ihren Symbolen, Bildern und Formeln" zu kennen und zu begreifen, wird darin nämlich nur als eines von drei zentralen Unterrichtszielen genannt. Genauso wichtig soll sein, "dass die Schüler

technische, soziale und kulturelle Erscheinungen und Vorgänge mit Hilfe der Mathematik wahrnehmen und verstehen

und mit mathematischen Mitteln allgemeine Problemlösefähigkeit erwerben."

Den Alltagswert des ungeliebten Faches zu betonen, ist so das eigentliche Anliegen der Mathematik-Standards, und zwar über das bisher in den Schulbüchern übliche Maß hinaus. Abstrakte Berechnungen, etwa von Würfeloberflächen oder des Flächeninhalts eines Rechtecks in einem Trapez oder klassische Textaufgaben ("Der Holzbestand eines Waldstücks beträgt 80.000 m3. Er wächst jährlich um 2,5%. Berechnen Sie den Holzbestand nach zwei Jahren! Wie viele Jahre würde es dauern, bis sich der Holzbestand verdoppelt hat?"), werden den Zehntklässlern zwar weiterhin abverlangt; sie lassen sich auch nicht einfach ausblenden.

Ein großer Teil der Übungsaufgaben aber erfüllt den Anspruch, Lösungen fürs Leben zu bieten.

So sollen die Schüler etwa berechnen,

welchen Anteil Schulweg, Unterrichtsstunden und Hausaufgaben an ihrem Tagesablauf haben, oder

ob ein Handy mit oder ohne festen Gebührenvertrag günstiger ist, wobei verschiedene Gesprächstarife und -zeiten durchgespielt werden.

Gerade Aufgaben wie diese sind auf den Alltag der Zehntklässler zugeschnitten.

Schließlich kommen viele 15- oder 16-Jährige wegen des regen Handy-Gebrauchs nicht mit dem Taschengeld aus, manche sind sogar hoch verschuldet.

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(SZ vom 6.12.2003)