Übersetzte Arbeitszeugnisse Wir wollen keinen "engineer"!

Andere Formulierungen, andere Bedeutungen: Professor Arnulf Weuster erklärt, wieso es so schwierig ist, Arbeitszeugnisse ins Englische zu übersetzen.

Interview: Miriam Hoffmeyer

Der Bewerber war "attentive to detail", ein Pedant also. Der Vorgesetzte bescheinigt ihm Flexibilität. Schade nur, dass "flexible" auch "unentschlossen" heißt. Deutsche Arbeitszeugnisse ins Englische zu übersetzen, ist tückisch. Arnulf Weuster, Professor an der Hochschule Offenburg, hat Ratgeber zum Thema verfasst. Trotzdem hält er es letztlich für unmöglich, alle Feinheiten der Zeugnissprache zu übertragen.

Zeugnisse ins Englische zu übersetzen ist gar nicht so leicht. Im Zweifelsfall sollte man es einem Profi überlassen.

(Foto: ddp)

SZ: Wie groß ist der Bedarf an Arbeitszeugnissen auf Englisch?

Weuster: Es gibt drei Personengruppen, die sich englische Zeugnisse wünschen: deutsche Führungskräfte, die ins Ausland gehen wollen, ausländische Führungskräfte, die eine Zeitlang in deutschen Firmen gearbeitet haben, und ausländische Studenten, die hier ein Praktikum gemacht haben. Nach englischsprachigen Zeugnissen wird fast nur in großen Betrieben gefragt, die international tätig sind, wie etwa Banken, IT-Firmen und Hersteller von Exportgütern.

SZ: Sind Arbeitszeugnisse im Ausland so wichtig wie in Deutschland?

Weuster: Nein, gar nicht. Im angelsächsischen Raum sind Arbeitgeber nicht dazu verpflichtet, Zeugnisse auszustellen, darum sind sie längst nicht so verbreitet wie in Deutschland. Stattdessen spielen mündliche Auskünfte und "letters of reference" eine große Rolle. Sicher ist aber nicht jeder Personaler bereit, extra in Deutschland anzurufen, um sich nach einem Bewerber zu erkundigen.

SZ: Und nicht jeder deutsche Vorgesetzte spricht gut genug Englisch, um die gewünschte Auskunft zu geben.

Weuster: Es empfiehlt sich also auf alle Fälle, der Bewerbung ein Arbeitszeugnis beizulegen - schon weil es Informationen liefert und beweist, dass bestimmte Angaben aus dem Lebenslauf der Wahrheit entsprechen. Bei der Übersetzung muss man aber aufpassen. Zwar ist die Zeugnissprache im angelsächsischen Raum längst nicht so ausgefeilt wie in Deutschland, aber es gibt trotzdem ein paar "red flags" oder "doubt raisers", also bestimmte Signalwörter, mit denen vor dem Bewerber gewarnt wird. "She worked hard on projects that she accepted" wäre zum Beispiel eine deutliche Warnung vor der Bewerberin.

SZ: Wird die kodierte Sprache der deutschen Arbeitszeugnisse in anderen Ländern überhaupt verstanden?

Weuster: Die deutschen Codes sind im Ausland unbekannt. Ein gutes Zeugnis, das mit Sympathie geschrieben ist, kann man im Klartext übertragen. Bei einem schlechten Zeugnis wird es komplizierter. Es grenzt ans Unmögliche, alle sprachlichen Feinheiten zu übersetzen. Aber das ist für die Bewerber nicht unbedingt von Nachteil. Weil deutsche Arbeitnehmer ein Recht auf ein wohlwollendes Zeugnis haben, wird ein schlechtes Zeugnis im Ausland wahrscheinlich positiver verstanden, als es in Wirklichkeit ist.

SZ: Viele Tätigkeiten haben heute in Deutschland ja sowieso schon englische Bezeichnungen. Macht das die Bewerbung im Ausland einfacher?

Weuster: Nein, im Gegenteil, denn die Begriffe haben dort oft eine andere Bedeutung. Das beste Beispiel ist der "engineer", damit verbindet man in Deutschland einen Ingenieur mit Hochschulabschluss. Im englischsprachigen Raum kann sich auch ein Techniker so nennen. Ein deutscher IT-Experte, der im "second level of support" arbeitet, ist für Probleme zuständig, bei denen der erste Ansprechpartner, das "first level", nicht weiter weiß. In ausländischen IT-Firmen kann diese Rangfolge genau umgekehrt sein, dann erscheint der Bewerber niedriger qualifiziert. In solchen Fällen sollte das Zeugnis möglichst ausführlich sein, um Missverständnisse zu vermeiden.

SZ: Gibt es eigentlich einen Anspruch darauf, das Arbeitszeugnis auch auf Englisch zu bekommen?

Weuster: Nein, unsere Rechtssprache ist Deutsch. Notfalls muss man sein Zeugnis eben professionell übersetzen lassen. Doch eine Reihe großer Unternehmen hat Englisch als Konzernsprache. Und wenn im Zeugnis unter der Unterschrift des Personalleiters "Human Resources" steht, wäre es ziemlich lächerlich, eine englische Übersetzung zu verweigern.