Übersetzer bei der Europäischen Union Es fehlt an der Sprache

In der Europäischen Union gibt es 23 Amtssprachen. Sämtliche Papiere, Vorlagen und Beschlüsse der Zentrale müssen in allen Sprachen vorliegen. Doch in Brüssel fehlen gute Übersetzer. Vor allem die Briten werden rar - und es gibt ein deutsches Sprachproblem.

Von Martin Winter, Brüssel

Europa redet in vielen Zungen. Damit das nicht in babylonischen Verhältnissen und gefährlichen Missverständnissen endet, braucht es Heerscharen von Übersetzern. Allein in der EU-Kommission sind daher 2500 vielsprachige Menschen damit beschäftigt, Papiere, Vorlagen und Beschlüsse der Brüsseler Zentrale in die 23 Amtssprachen der Union zu übertragen und zugleich die eingehende Post der Bürger in Sprachen zu bringen, die die Beamten verstehen. 2011 seien 2,2 Millionen Seiten übersetzt worden, sagt Andrea Dahmen vom Übersetzerdienst. Tendenz steigend, und da beginnen die Probleme.

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Es fällt Brüssel immer schwerer, Sprachkundige für das Übersetzen ins Englische zu finden. Seit in Großbritannien der obligatorische Fremdsprachenunterricht abgeschafft wurde, ist das Interesse für andere Sprachen auf der Insel dramatisch gesunken. Briten geben sich kaum noch Mühe, die Idiome zu lernen, die auf dem Kontinent gesprochen werden. Der Nachwuchs also wird immer dünner. Wenn es aber immer weniger Engländer gibt, die aus dem Deutschen, Französischen, Polnischen oder Schwedischen in ihre Muttersprache zu übersetzen wissen, dann wächst der Arbeitsdruck auf die paar, die es noch können. Und die sind - schlimmer noch - nur schwer zu ersetzen, wenn sie in Rente gehen.

Insgesamt lässt das Studium fremder Sprachen in der EU zwar nicht nach, aber es gibt doch Unterschiede. So setzt sich bei jungen Leuten in nordischen Ländern zunehmend die Meinung durch, dass es reicht, neben der eigenen Sprache nur noch Englisch zu lernen. In den Übersetzerdienst darf aber nur eingestellt werden, wer zwei fremde Sprachen perfekt beherrscht. Aber selbst da, wo diese Voraussetzung erfüllt wird, sind es meist die großen Sprachen wie Französisch, Deutsch oder Spanisch, die gelernt werden. Jedoch Übersetzer aus dem Holländischen, Irischen (Gälisch) oder Maltesischen zum Beispiel ins Tschechische zu finden, stellt die Brüsseler vor eine gewaltige, oft nicht lösbare Aufgabe.

Was die deutsche Sprache betrifft, gibt es zwar keine Schwierigkeiten mit dem Nachwuchs. Aber doch ein ganz spezielles deutsches Sprachproblem. Bei den deutschen Bewerbern lasse die Beherrschung der Muttersprache gelegentlich etwas zu wünschen übrig, sagt Andrea Dahmen. In Brüssel wird nämlich auch geprüft, ob die Kandidaten ihre eigene Sprache in einer Tiefe und grammatikalischen Sicherheit beherrschen, die man von einem Übersetzer erwarten muss. Da aber schneiden die Deutschen - Pisa lässt grüßen - im europäischen Vergleich schlecht ab. Das ist sogar den Bundestagsabgeordneten aufgefallen, die sich kürzlich darüber beschwerten, dass ihnen aus Brüssel ziemlich schlechte Übersetzungen europäischer Vorlagen zugingen.

Als wären das alles noch nicht der Probleme genug, konkurriert die EU mit der Wirtschaft um Übersetzer. Das ist ein Wettbewerb, den Brüssel kaum gewinnen kann. Vor allem auf dem Markt der erfahrenen Übersetzer mit Spezialwissen, etwa Ingenieuren, kann die EU nicht mithalten. So bleibt ihr wenig anderes übrig, als mit anständigen Anfängergehältern und der Versicherung, dass der Job in der EU ein "dauerhafter" sei, um den Nachwuchs zu buhlen.