Überqualifizierte Arbeitnehmer Dr. phil. als Taxifahrer

Gewerkschafter kritisieren eine "Schieflage auf dem Arbeitsmarkt": Jeder fünfte Erwerbstätige arbeitet unter seinem Qualifikationsniveau - und riskiert damit nicht nur Einbußen beim Einkommen.

Von Thomas Öchsner

Der Soziologe, der Taxi fährt, der Germanist, der auf Hartz IV angewiesen ist - auf solche Fälle wird gern hingewiesen, wenn vom akademischen Proletariat die Rede ist. Gestimmt hat dieses Klischee nie so richtig: Die Arbeitslosenquote der Akademiker ist mit etwa 2,5 Prozent halb so groß wie die der Personen mit Berufsausbildung.

Absolventen der sogenannten brotlosen Studiengänge finden meist einen Job, wenn auch ihr Berufseinstieg oft holprig ist und ihr Durchschnittsgehalt signifikant unter dem aller Akademiker liegt. Unterwertig beschäftigt zu sein, also eine Stelle innezuhaben, für die die eigene Qualifikation zu hoch ausfällt, ist in Deutschland allerdings weit verbreitet. Dies geht aus einer neuen Studie des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) hervor, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

Ob der Historiker mit einem einfachen Bürojob oder die Facharbeiterin, die nach einer längeren Kinderpause einen Aushilfsjob ausübt - fast jede fünfte Fachkraft ist laut der DGB-Untersuchung unterhalb ihres Qualifikationsniveaus beschäftigt. Die Quote bei den Akademikern ist dabei mit 18,3 Prozent noch höher als bei den beruflich Qualifizierten (17,4 Prozent).

Besonders gefährdet sind geringfügig Beschäftigte mit einem 450-Euro-Job: je niedriger das Arbeitszeitvolumen, desto höher das Risiko, unterhalb der eigenen Kenntnisse arbeiten zu müssen. "Nur 40 Prozent der Minijobber arbeiten entsprechend ihrem Qualifikationsniveau", steht in der Studie. Das höchste Risiko, "unterwertig" beschäftigt zu sein, tragen demnach Erwerbstätige ohne Arbeitsvertrag, wie zum Beispiel Solo-Selbständige.

Entmutigung und Einkommenseinbußen

Die Untersuchung beruht auf einer Sonderauswertung des sozioökonomischen Panels von 2011, für das TNS Infratest Sozialforschung jedes Jahr gut 20 000 Menschen befragt. Deren persönliche Angaben wurden danach mit ihrer beruflichen Stellung verglichen und auf ihre Plausibilität überprüft.

Dabei kam auch heraus, dass "unterwertig" Beschäftigte Einkommenseinbußen von 20 bis 40 Prozent im Vergleich zu adäquat angestellten Mitarbeitern in Kauf nehmen müssen, je nachdem wie weit sie unterhalb ihrer Qualifikation arbeiten. Je länger dieser Zustand anhalte, desto größer sei die Gefahr, dass es dabei bleibe, heißt es in der Studie. Zugleich führe dies bei den Betroffenen zu "starken Entmutigungseffekten", die sich negativ auf die Lebensqualität auswirkten. Was also tun?

Der Gewerkschaftsbund fordert mehr Weiterbildungsprogramme. Auch müsse die Bundesregierung mehr tun, damit im Ausland erworbene Abschlüsse in Deutschland anerkannt werden. Einerseits lägen Qualifikationsreserven brach, andererseits werde der Ruf nach Fachkräften lauter: "Eine nicht akzeptable Schieflage auf dem Arbeitsmarkt."