Übergriffe in Jobcentern Krieg auf dem Arbeitsamt

Körperverletzung und Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch und Morddrohungen: Die Wut auf die Harz-IV-Gesetzgebung entlädt sich zunehmend in den Jobcentern. Leidtragende sind die Sachbearbeiter. Der Alltag auf einem Amt in Frankfurt.

Von Marc Widmann

Zwei Fälle nur aus der jüngsten Zeit: Am Montag stürmt ein 41-jähriger Arbeitsloser in das Jobcenter Berlin-Marzahn, er hat eine Flasche mit brennbarer Flüssigkeit dabei und macht sich im Büro eines Sachbearbeiters daran, den Teppich in Brand zu setzen. Gerade noch rechtzeitig greifen Mitarbeiter zum Feuerlöscher und ersticken die Flammen.

Vor gut zwei Monaten weigert sich in Frankfurt eine 39-jährige Obdachlose, das Jobcenter in der Mainzer Landstraße zu verlassen. Der Sicherheitsdienst ruft die Polizei, und als zwei Beamte ihren Ausweis verlangen, zieht Christy S. ein Messer, sticht auf einen Polizisten ein. Dessen Kollegin schießt der Frau in den Bauch, kurz darauf stirbt sie. Es ging um zehn Euro.

Tragische Einzelfälle sind das auf den ersten Blick, an Orten, wo verzweifelte Menschen auf bürokratische Vorschriften treffen. Schon immer gab es Gewalt in Jobcentern, 2007 stach in Kaiserslautern ein Mann auf eine schwangere Sachbearbeiterin ein, im selben Jahr hielt eine Frau in Aachen zwei Mitarbeiter als Geiseln. Aber sind derlei Aggressionen wirklich Ausnahmen? Ein Besuch in Frankfurt zeigt ein anderes, düsteres Bild.

Die Verwaltung der Armut liegt am Stadtrand in seinem gesichtslosen Bau, Besucher müssen sich am Empfang melden. Der Ton ist kühl, ein junger Mann lässt seine Kopfhörer in den Ohren, während er nach einem Formular fragt. Oben, mit Blick in die Ferne, sitzt Claudia Czernohorsky-Grüneberg, Chefin der vier Jobcenter in Frankfurt mit 69.000 "Kunden", wie die Bedürftigen hier genannt werden, das sind zwölf Prozent aller Einwohner. Sie ist eine energische Frau, seit Jahrzehnten arbeitet die Sozialarbeiterin am Rand der Gesellschaft, und sollte sie ihre Tätigkeit je romantisiert haben, ist es lange her. "Früher, als ich im Sozialrathaus gearbeitet habe, verging auch kein Monat ohne eine kaputte Tür", sagt die 54-Jährige. "Aber damals war es eben nur die Tür."

Heute macht sich die Chefin große Sorgen um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter. "Deutlich aggressiver" seien die Menschen geworden, "und was mich besonders beunruhigt: dass es ohne Vorwarnung auf die Person geht." Sie hört, wie ihre Mitarbeiter bedroht werden, nach dem Motto: Wir wissen, wo Du wohnst. Sie sieht, wie sich Kollegen gegenseitig Begleitschutz geben auf dem Weg zur Straßenbahn. Sie registriert eine neue Qualität der Beschimpfung, wie sie das nennt.

"Es kann nicht sein, dass meine Mitarbeiterinnen Schlampe, Hure oder sonst wie genannt werden", sagt sie. Dann lässt sie einige Zahlen heraussuchen, die ihren Eindruck stützen: 36 Hausverbote hat sie dieses Jahr schon ausgesprochen, mehr als eines pro Woche, dazu 13 Strafanträge gestellt wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch oder Morddrohungen.

Diese Zahlen sind stetig gestiegen in den vergangenen Jahren. "Ich glaube nicht, dass das nur Zufall ist", sagt die Amtschefin. Sie glaubt, dass sich etwas verändert in unserer Gesellschaft. "Die Wut ist größer", sagt auch Reiner Staudt. Er ist Teamleiter in der Leistungsabteilung, also dort, wo es ums Geld geht. Er erzählt von einem Erlebnis am Tag zuvor: Eine Kundin rastet aus und beschimpft seine Mitarbeiterin als "größte Schlampe, die rumläuft", nur weil diese einen Mietvertrag verlangt, wie es die Bürokratie vorschreibt. So etwas komme "zwei- bis dreimal die Woche vor", sagt Staudt. Er hat auch schon einen Mann erlebt, der einst eine Machete aus seinem Mantel zog und damit in den Schreibtisch hackte.

Hass auf Gesetze trifft Mitarbeiter

Früher, sagt der Verwaltungswirt, hatten die Leute Respekt, wenn sie ins Amt gingen. Heute haben viele Wut. Das liege nicht nur an persönlichen Schicksalen, Staudt glaubt, dass es auch an den Gesetzen liegt, am neuen Sozialgesetzbuch II. Früher durften die Ämter noch Beihilfen verteilen für Kleidung oder Brennstoff, zur Not konnten sie auch mal die Weihnachtsbeihilfe vorziehen, wenn es ganz hart kam. Heute sind diese Vergünstigungen fast vollständig gestrichen, dem Amt bleiben wenig Möglichkeiten, zu helfen. Dafür muss es die Leistung kürzen, wenn der Bedürftige nicht spurt und keine Arbeit annehmen will.

"Das schaukelt sich hoch", sagt Staudt, "bei uns verdichtet sich etwas, was es früher nicht gab." Er erlebt bisweilen blanken Hass auf die Hartz-Gesetze. "Die Kunden sehen aber nicht das Gesetz vor sich", sagt er, "sondern den Sachbearbeiter."

Deutschlandweit fühlen sich 70 Prozent der Mitarbeiter in Jobcentern bedroht oder unsicher, wie eine Studie der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung herausfand. Jeder Vierte gab an, schon einmal Opfer eines Übergriffs geworden zu sein. In Frankfurt bündeln sich besonders viele Problemfälle in der Hanauer Landstraße, dort wo Christy S. ihr Leben verlor. Hier, in dieser Außenstelle, werden Obdachlose und Alkoholabhängige betreut. Nun soll sie geschlossen werden, aus Sicherheitsgründen. Aber die Probleme lassen sich nicht so einfach auflösen, das weiß auch Claudia Czernohorsky-Grüneberg, die Chefin.

Sie schulen ihre Mitarbeiter seit Jahren in Deeskalation, auch in körperlicher Abwehrtechnik. Sie haben einen Hausnotruf installiert. Nun überlegen sie, wie sie die Ämter noch sicherer machen können. Zusammen mit der Polizei gehen sie durch die Gebäude und schauen nach Fluchtwegen. Vielleicht bauen sie bald Videokameras ein. Und Metalldetektoren, wie sie es in Gerichten längst gibt? Nein, sagt Czernohorsky-Grüneberg, das gehe zu weit. "Wir können uns doch nicht selbst zur Festung machen."

Dann zeigt sie auf den Schrank neben ihrer Bürotür, zwei Glaskugeln stehen darauf. Eigentlich, sagt sie, müsste ich die ja auch wegräumen. Jemand könnte sie als Wurfgeschosse verwenden.