Ein Schnuller für die Synapsen

Anzeige

Heil hat beobachtet, dass "die Schere bei Uniabsolventen und Bewerbern immer weiter auseinanderklafft". Auf der einen Seite stünden die Unterprivilegierten, um die sich keiner kümmert, auf der anderen die Kinder aus Mittel- oder Oberschicht, die immer exzessiver umsorgt würden. Die einen reagierten zunehmend hilflos auf den komplizierten Arbeitsmarkt; die anderen würden zu Anspruchsdenken und Unselbständigkeit erzogen - für Berufsanfänger zwei tödliche Eigenschaften. Heil erzählt, dass die Sekretariatsdienste von Eltern sie in Beratungsgesprächen heute zu dem Standard-Tipp zwinge: "Wenn du zum Bewerbungsgespräch nicht erscheinen kannst, lass bitte nicht deine Mutter absagen!"

So haben manche Unternehmen auch bereits kapituliert. Der Computer-Riese Hewlett-Packard hat nach Medienberichten inzwischen mit Eltern zu tun, die die Gehaltsverhandlungen ihrer Kinder führen wollen. Britische PR-Agenturen berichten von Vätern, die vor dem ersten Arbeitstag ihrer Tochter auf deren Sensibilität und Harmoniebedürfnis hinweisen.

"Ich bin sehr froh, dass sich Ihr Sohn Brett entschieden hat

Und der Autovermieter Enterprise Rent-A-Car schickte schon Mütter nach Hause, die bei der ersten Arbeitswoche ihres Sohnes hospitieren wollten. Als Friedensangebot sendet Personalchefin Donna Miller neuerdings Briefe an die Eltern von Neuzugängen. Mit beruhigenden Worten: "Ich bin sehr froh, dass Ihr Sohn Brett entschieden hat, Teil unseres Teams zu werden. Ich darf Ihnen versichern, dass seine Entscheidung gut ist!"

Wer nach Ursachen für die Hysterie fragt, erhält viele Antworten. Patricia Somers, die an der Universität Austin/Texas zu den Helicopter Parents forscht, hat beobachtet, dass sie in den USA aus allen Schichten und Gehaltsklassen stammen. Oft seien es Vertreter der Baby-Boomer-Generation, die Elternliebe mit vielen Geschwistern teilten und nun alle Aufmerksamkeit auf ein oder zwei Kinder konzentrieren. Andere glauben, dass die Bildungsdebatten die Eltern kirre machen.

Beobachtet man, wie die jüngste Generation von Übereltern ihren Nachwuchs dressiert, gibt es wenig Grund zur Entwarnung. Wirtschaftsinformatiker Tim Weitzel wurde kürzlich auf einem Kindergeburtstag in San Francisco in eine "todernste" Diskussion verwickelt. Thema: Welche Schnullerform wirkt sich am besten auf die Synapsen-Vernetzung bei meinem Baby aus? "Der Trend, dass Eltern komplett durchdrehen", resümiert Weitzel trocken, "ist sehr anfassbar".

Sie sind jetzt auf Seite 3 von 3

  1. Wir werden das Kind schon schaukeln!
  2. Wir werden das Kind schon schaukeln!
  3. Sie lesen jetzt Wir werden das Kind schon schaukeln!
Leser empfehlen 

(SZ vom 29.1.2009/bön)