Überarbeitung in Japan Schuften bis zum Tod

Herzinfarkt, Gehirnblutung, Schlaganfall: In Japan sterben jährlich 150 Menschen am Arbeitsplatz, weil sie zu viele Überstunden machen. Jüngstes Opfer ist die Filialleiterin eines McDonald's-Restaurants.

Von Christoph Neidhart

Es war einer dieser Fälle, wie sie in Japan täglich in den Zeitungen auftauchen. Und an die sich die Japaner längst gewöhnt haben. Diesmal war es eine 41-jährige Mitarbeiterin von McDonald's, die im Herbst 2007 den Folgen einer Gehirnblutung erlag. Zwei Jahre später nun hält das Büro für Arbeitsinspektion der Präfektur Kanagawa fest: Die Frau hatte, bevor sie zusammenbrach, zu viel gearbeitet. Arbeiten bis zum Umfallen - "Karoshi" heißt der Tod der Überarbeiteten auf Japanisch. Jährlich erkennen Japans Behörden etwa 150 Fälle von "Karoshi" an. Die Opfer sterben an Herzinfarkt, Gehirnblutung, Schlaganfall. Viele bekommen Depressionen und haben private Probleme.

Die Entscheidung der Arbeitsbehörde ist wichtig, denn die Diagnose "Karoshi" berechtigt die Angehörigen, Hinterbliebenenrenten zu beziehen. Es ist klar definiert: Das amtliche Kriterium für Überarbeitung liegt bei 100 Überstunden im Monat vor dem Tod. Oder durchschnittlich 80 Überstunden während der letzten sechs Monate. Die Filialleiterin eines McDonald's-Restaurants in Yokohama war bei einer Weiterbildung in einer anderen Filiale zusammengebrochen. Sie hatte zuvor im Schnitt 81 Überstunden geleistet. Bezahlt hatte der Hamburger-Konzern ihr diese Überstunden nicht.

Andere Filialleiter haben McDonald's auf Nachzahlung geleisteter Überstunden verklagt. Im Januar etwa verurteilte das Bezirksgericht Tokio den US-Konzern, einem ehemaligen Mitarbeiter nachträglich 7,55 Millionen Yen auszuzahlen, umgerechnet 56000 Euro. Das Gericht hielt auch fest, McDonald's habe Arbeitsverträge widerrechtlich so formuliert, daß die Firma keine Überzeit zahlen musste.

Das Phänomen "Karoshi" ist seit den 1960er Jahren bekannt

"Karoshi" sind typische Versicherungsfälle. Die Büros für Arbeitsinspektion der Präfekturen stellen zunächst fest, ob es sich bei einem Todesfall tatsächlich um "Karoshi" handelt.

Bekannt ist das Phänomen schon seit den 1960er Jahren. Als Todesursache wurde "Karoshi" aber lange nicht anerkannt. Das hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt: Heute akzeptieren die Behörden auch, dass Selbstmorde und Fälle schwerer Depressionen auf Überarbeitung zurückzuführen sein können. Dass das Thema gerade jetzt stark hochkocht, hat etwas mit der gegenwärtigen Rezession zu tun - sie erhöht den Druck auf die Mitarbeiter.

Dazu kommt: Wer in japanischen Büros arbeitet, muss extreme Hierarchien über sich ergehen lassen. Die wahren Gründe eines Todesfalls aufzuklären, dauert oft Jahre. Wie zum Beispiel im Falle des 30-jährigen Toyota-Mitarbeiters Kenichi Uchino. Fünf Jahre dauerte der Rechtsstreit, bis Uchinos Witwe im Jahre 2007 erreichte, dass der Tod ihres Mannes als "Karoshi" anerkannt wurde. Der zuvor gesunde Familienvater war im Februar 2002 nach einem Arbeitsmonat mit 106 Stunden Überstunden im Morgengrauen im Toyota-Werk Tsutsumi zusammengebrochen: Herzversagen.

Vier Stunden länger im Betrieb - jeden Tag

Uchino war ein guter und engagierter Mitarbeiter. Seine Vorgesetzten nahmen ihn in die Kommission für Qualitätskontrolle auf und machten ihn zum Experten, der für den reibungslosen Lauf des Fließbandes verantwortlich war. Vier Stunden sei er deshalb täglich länger im Werk geblieben, erinnerte sich seine Frau vor zwei Jahren. Und das im Schichtbetrieb, der jegliches Familienleben unmöglich gemacht habe. Als Reaktion auf das Urteil im Fall Uchino vergütet der Autokonzern seinen Mitarbeitern inzwischen den Aufwand für die Qualitätskontrolle.

Gemäß einer Gewerkschaftsumfrage geben zwei Drittel aller japanischen Männer an, mehr als 20 Stunden unbezahlte Überstunden im Monat zu machen. Vier Prozent leisten demnach mehr als 80 Überstunden. Die Begründung dafür klingt eher nach einer Rechtfertigung der Arbeitgeber: Erklärt werden die massiven Überstunden immer wieder gerne mit der japanischen Kultur, die dem Wohle der Gemeinschaft, in diesem Falle der Firma, den Vorrang vor individuellen Bedürfnissen gebe.

Skrupellos und machtfixiert

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