Tyrannei der Arbeit "Wir definieren unseren Wert als Mensch über unsere Arbeit"

Fitnessstudios für die Mitarbeiter, Büros, die wie eine Mischung aus Abenteuerspielplatz und Clublounge aussehen - viele Unternehmen sorgen sich doch darum, dass es ihren Mitarbeitern gut geht. Hat das keinerlei positiven Effekt?

Doch, natürlich. Aber nehmen wir zum Beispiel ein Unternehmen, das seinen Mitarbeitern Handyverbot im Feierabend erteilt und berufliche Mails nicht mehr an Privat-Accounts weiterleiten lässt. Das ist ein Ansatz, die Mitarbeiter vor ihrem eigenen Eifer zu schützen. Aber das tun die Unternehmen nicht aus Menschenliebe, sondern weil sie knallhart kalkulieren. Besser erholte Mitarbeiter sind weniger krank und arbeiten effizienter. Letztlich geht es darum, dass der Mensch besser verwertbar gemacht wird.

Sie nennen das "Ökonomisierung des Lebens" - was bedeutet das?

Wir definieren unseren Wert als Mensch über unsere Arbeit - und damit darüber, wie gut wir in der wirtschaftlichen Sphäre funktionieren. Früher war das die typisch männliche Selbstdefinition, Frauen konnten ihren Selbstwert auch über andere Rollen bekommen, zum Beispiel darüber, dass sie sich um die Kinder kümmern. Heute stürzen sich beide Geschlechter ganz auf die berufliche Identität. Alle anderen Rollen im Leben werden abgewertet. Wer seine Talente nicht dafür einsetzt, dass irgendeine Firma daraus Gewinn schlägt, der verschwendet seine Talente - so die gesellschaftliche Überzeugung, die immer weiter um sich greift. Dabei gäbe es jetzt die Chance, dass Männer und Frauen sich von dieser einseitigen Fixierung auf einen einzigen Lebensbereich frei machen.

Die sogenannte Generation Y, die jetzt in den Beruf startet, ist dafür bekannt, dass sie nicht mehr zwangsläufig auf Karriere setzt, sondern auch auf eine ausgewogene "Work-Life-Balance". Hegen Sie Hoffnung, wenn Sie diese jungen Leute betrachten?

Ich bin selbst Vater von Ypsilonern. Unser ältester Sohn ist 26. Und bei ihm und auch seinen Kumpels bemerke ich Ansätze eines neuen, gesünderen Lebensentwurfs. Die definieren für sich, welche Anforderungen ein Arbeitsplatz erfüllen muss. Bei der Generation vorher galt noch: Jeder Job ist besser als kein Job. In Zeiten des Fachkräftemangels können die Berufseinsteiger Bedingungen stellen. Wenn mein Sohn sagt, er will in einer Energiefirma anfangen, dann ist für ihn klar, dass er das nur in bestimmten Firmen macht, die zum Beispiel auf grüne Technologien setzen. Ich erlebe auch, dass die Generation Y weniger Lust hat, sich hochzuboxen in der Hierarchie.

Stellen sich die Unternehmen darauf ein? Gelingt es den heutigen Berufseinsteigern, etwas zu verändern in der Unternehmenskultur?

Ich hoffe es. Wenn Unternehmen um kompetente Mitarbeiter konkurrieren, dann muss es selbstverständlich werden, dass Anwesenheit im Unternehmen nicht länger das einzige Karrierekriterium ist. Erziehungszeit oder auch Engagement in anderen Bereichen sollten angerechnet werden. Meine Nichte hat sich eine berufliche Auszeit genommen, jetzt arbeitet sie für ein paar Monate für ein Projekt in einem Slum in Mexiko. Da erlernt sie ganz neue Fähigkeiten. Es wäre schön blöd für ein Unternehmen, das nicht anzuerkennen.

Sie glauben also daran, dass es gelingt, der Ökonomisierung der Welt einen Riegel vorzuschieben?

Die Chancen stehen gut, weil der Überdruss an der materiellen Sättigung, an der kompletten Absicherung zunimmt. In den privilegierten Gesellschaftsschichten wachsen wir Menschen in einem Biotop auf, in dem uns jeder Schritt abgenommen wird, wo wir keinen echten Herausforderungen mehr begegnen. Wir werden uns wieder der Frage zuwenden, wie wir uns jenseits von Status und materiellen Werten definieren. Dafür ist die Zeit reif. Das wird vielleicht nicht Mainstream werden, aber doch eine signifikante Gegenkultur.

Was raten Sie dem Einzelnen?

Mir hat geholfen, mich gedanklich in meine Jugend zurück zu beamen. Ich habe überlegt: "Wie bin ich ins Leben gestartet? Was wollte ich damals?" Und dann habe ich festgestellt: "Das ist doch Wahnsinn, wie ich jetzt lebe! Du warst doch mal superkreativ, du wolltest alles machen und jetzt machst du nur ein einziges Ding - und dafür opferst du dein ganzes Leben. Du verlierst den Kontakt zu deinen Liebsten, du weißt überhaupt nicht, was deine Kinder interessiert, wie ihre Kuscheltiere heißen..."

Sie haben einen Cut gemacht und Ihren Verlagsjob aufgegeben. Braucht man den Mut zu einem radikalen Schritt, um das Leben zu verändern?

Radikal bedeutet für jeden etwas anderes. Für den einen ist es radikal zu sagen, ich hör vom einen Moment zum anderen auf - wie ich das gemacht habe. Für den andern ist es radikal, zum Chef zu gehen und zu sagen: "Ich habe jetzt jeden Monat 20 Überstunden gemacht, von nun an mache ich nur noch 15." Es geht darum, für seine Wünsche einzutreten und auch, den Preis dafür zu zahlen.

Aber letztlich gewinnt man doch etwas.

Natürlich, aber Sie zahlen immer auch einen Preis - und sei es, dass der Chef einen anderen Arbeitshelden im Team viel toller findet als Sie. Es gibt tausend Gründe, das Leben nicht zu verändern. Am liebsten werden ja finanzielle Gründe vorgeschoben, aber letztlich steckt da fast immer etwas anderes dahinter. Wer sagt, er könne es sich nicht leisten, im Job kürzer zu treten, möchte vielleicht in Wahrheit nicht auf die Anerkennung im Beruf verzichten. Sie haben danach gefragt, ob es Mut braucht: Der Mut besteht darin, diesen Preis zu zahlen.