Für die Betreiber von Transfergesellschaften scheint die Krise geradezu ein Gottesgeschenk zu sein. "Wie die Geier stürzen die sich heute auf jeden Betrieb, der in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckt", schimpft ein Personaldienstleister aus Berlin über seine Kollegen, "ein Gerücht genügt, und die Geschäftsleitung hat 60 oder 70 Offerten auf dem Schreibtisch." Bestätigt wird das durch einen zweiten, der ebenso regelmäßig mitbietet: "Wenn heute in der Zeitung steht, dass ein Betrieb in wirtschaftlichen Schwierigkeiten ist, dann hat der Inhaber übermorgen 25 Angebote über die Gründung einer Transfergesellschaft auf dem Schreibtisch."
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Wer den Zuschlag bekommt, entscheiden die Firma und der Betriebsrat gemeinsam. Der Betriebsrat will eine hohe Aufstockungssumme und die bestmögliche Weiterbildung für die Kollegen. Deshalb kämpft er um ein möglichst hohes Transferbudget. Der Arbeitgeber hingegen möchte sich seines Personals kostengünstig entledigen und zieht deshalb Angebote von Betreibern vor, bei denen er eine möglichst geringe Kopfpauschale für die Qualifizierung zahlen muss. Ohne Betriebsrat entscheidet der Chef allein, ansonsten muss verhandelt werden.
Mit Konflikttrainings ruhiggestellt Das beschäftigungspolitische Instrument ist umstritten. Die Bundesagentur für Arbeit und die Betreiber der Zweckgesellschaften loben es als Zaubermittel gegen die Verfestigung von Arbeitslosigkeit. Nach Ansicht der Kritiker hingegen stecken die Beschäftigten einer Transfergesellschaft in der Vorhölle zu Hartz IV: Viele würden mit sinnlosen Englischkursen, Gabelstapler-Führerscheinen, Kommunikations- und Konflikttrainings ruhiggestellt. Um aber einen neuen Job zu finden, seien sie letztlich doch auf ihre eigene Initiative angewiesen.
Hinter vorgehaltener Hand ziehen die Betreiber kräftig über die Konkurrenz vom Leder. "Wenn man Transfergesellschaften als Verwahranstalten betrachtet und die Menschen als durchlaufende Posten behandelt, wie es viele tun, dann kann man damit gutes Geld verdienen", ereifert sich ein Geschäftsführer, der selbst im Transfer-Business mitmischt und daher nicht mit Namen genannt werden will. Die "Selbstbedienungsmentalität der Betreiber", klagt ein anderer Transfer-Manager aus Berlin, sei "ein heißes Eisen, das niemand anzupacken wagt."
Schließlich habe, mit Ausnahme der Betroffenen, jeder einen Vorteil: Die Bundesagentur begrenze die Arbeitslosenzahlen, die Sozialkassen freuten sich über Beiträge, die Gewerkschaften könnten ihre Weiterbildungsfirmen päppeln und die Arbeitgeber preiswert ihre Belegschaften entsorgen. Selbst Gerhard Ubl räumt vorsichtig ein: "Es gibt genügend Transfergesellschaften mit ungenügenden Qualifizierungsangeboten."
"Gründlich prüfen"
Zur Verteidigung der Transfergesellschaften verweisen deren Befürworter - allen voran die Gewerkschaften, die den Großteil des deutschen Weiterbildungsmarktes kontrollieren - auf die erzielten Erfolgsquoten in der Vermittlung. Allerdings ist kaum zu belegen, was auf die Aktivitäten der Transfergesellschaft und was auf die individuellen Anstrengungen der Betroffenen zurückzuführen ist. Angesichts der nach Jahresfrist drohenden Arbeitslosigkeit kommt mancher von selbst in die Gänge.
"Es gab auch Kollegen, die sich haben treiben lassen", erinnert sich Hoke. "Doch irgendwann entsteht ja Leidensdruck, irgendwann ist das Urlaubsfeeling weg - und dann sinken die Hemmschwellen gegenüber Zeitarbeitsfirmen." Abseits des öffentlichen Blicks, juristisch bar jeder Verantwortung und allenfalls moralisch bei den Beschäftigten im Wort, verdienen die Transfergesellschafter an jedem Personalabbau mit, der sich ihrer Hilfe bedient. Und das waren bisher nicht wenige Fälle: Siemens/BenQ, Infineon, Qimonda, Rosenthal, Kaufhof, Karmann, Bosch-Siemens-Hausgeräte, der Hamburger Autozulieferer Phoenix, um nur die bekanntesten Fälle zu nennen.
Die nächsten Transfers werden vermutlich soeben ausgehandelt. Dafür hat Hoke einen guten Tipp auf Lager: "Der Betriebsrat steckt mit in der Verantwortung für die Kollegen, und bevor er falsch entscheidet und hinterher nicht mehr ruhig schlafen kann, sollte er die Sache gründlich prüfen."
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(SZ vom 18.07.2009/af)
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