Tipps vom Zeitberater "Betrachte die Zeit nicht als Feind"

Wider das Zeitmanagement: "Je mehr man seine Zeit durchtaktet und durchplant, desto größer ist die Gefahr, dass einem der Zufall in die Quere kommt", sagt Karlheinz Geißler.

(Foto: Manfred Neubauer)

Wo ist nur die Zeit geblieben? Die Frage ist im Arbeitsleben genauso präsent wie im Privaten. Ein Gespräch über den Mythos Zeitmanagement, krankmachende Arbeit - und warum die innere Uhr wichtiger ist als eine Armbanduhr.

Von Johanna Bruckner

Zeitdruck und ein gefühlter Mangel an Zeit für die wichtigen Dinge sind in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Karlheinz Geißler war lange Jahre Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München. Nach seiner Emeritierung hat er 2007 ein Institut für Zeitberatung gegründet. "Wir machen Sie zeitkompetenter und zeitsouveräner", wird potenziellen Kunden auf der Webseite in Aussicht gestellt. Geißler selbst verabschiedet sich am Telefon mit den Worten: "Keine Eile mit dem Interview. Ich habe Zeit."

SZ.de: Herr Geißler, tragen Sie eine Armbanduhr?

Karlheinz Geißler: Nein, schon seit 30 Jahren nicht mehr. Wenn ich auf die Uhr schaue, dann auf die Kirchturmuhr gegenüber meiner Wohnung.

Sie haben ein Institut für Zeitberatung gegründet. Wie kommt man darauf?

Die Verheißungen des Zeitmanagements haben sich irgendwann als moderne Märchenerzählung herausgestellt. Je mehr man seine Zeit durchtaktet und durchplant, desto größer ist die Gefahr, dass einem der Zufall in die Quere kommt - und Stress verursacht. Zeitmanagement führt also zu größerem und nicht wie versprochen zu geringerem Zeitdruck. Der Ansatz in der Zeitberatung ist, dass Zeitkonflikte zum Leben gehören und wir sie nicht endgültig lösen können. Wir versuchen zu vermitteln: Betrachte die Zeit nicht als deinen Feind - sondern versuche, einen akzeptierenden, positiven Umgang mit Zeit zu entwickeln.

Wie muss ich mir Ihren typischen Kunden vorstellen - als gestressten Manager?

Auch. Aber hauptsächlich kommen Unternehmen zu uns, bei denen sich der Zeitdruck erhöht hat. Die Probleme damit haben, dass ihre Mitarbeiter gehetzt sind und ständig Überstunden machen müssen.

Wie können Sie helfen?

Wir machen zunächst eine Analyse des Ist-Zustands: Welche Zeitkonstellationen und -vorgaben gibt es im Unternehmen? Und inwieweit sind diese beeinflussbar? Durch Internet und Smartphones ist ein Zeitdruck entstanden, der sich nicht so einfach abschaffen lässt. Die Kunst ist, sich mit den neuen Technologien und ihren Zwängen zu arrangieren - ohne sich in ein Knechtschaftsverhältnis zu begeben. Arbeitgeber können mit ihren Mitarbeitern zum Beispiel begrenzte Zeiten vereinbaren, in denen sie erreichbar sein und ihre E-Mails abrufen müssen.

Das ist nicht so einfach, denn nicht nur der Chef beansprucht Zeit und Aufmerksamkeit.

Neben der Zeit, die der Arbeitgeber einfordert und einteilt, kann man auch im Privatleben unter Zeitdruck geraten. Ehepartner, Kinder, der Sportverein - sie zerren ebenfalls an uns und zehren von unserer Zeit. Das Ziel der Zeitberatung ist, eine Balance zwischen den verschiedenen Zeitansprüchen zu schaffen. Widersprüche wird es immer geben, aber es geht darum, die Belastung erträglich zu machen. Arbeitnehmern mit Familie kann es zum Beispiel eine große Erleichterung sein, wenn sie nicht schon um acht, sondern erst um neun Uhr anfangen müssen. Dann können sie vorher noch ihre Kinder in die Schule bringen.