Die Konkurrenz aus aller Welt bringt hier zu Lande viele Arbeitsplätze in Gefahr. Doch es gibt Möglichkeiten, dem zu begegnen.
Bei General Motors im fernen Detroit haben die Manager gute Arbeit geleistet. Autos zu verkaufen, fällt ihnen dort zunehmend schwerer, aber mühelos gelingt es ihnen, der wirtschaftspolitischen Diskussion selbst im fernen Deutschland die Richtung vorzugeben. Binnen weniger Tage haben die GM-Chefs erreicht, was hier zu Lande Unternehmer, Verbandsführer und die Mehrzahl der Experten seit Jahren mit nur mäßigem Erfolg versuchen: die schwer wiegenden Probleme des Standorts Deutschland zu thematisieren.
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Seitdem die als ignorant verschrieenen amerikanischen Manager sich erdreisten, ohne Rücksicht auf den heimischen Kultstatus von Opel Rüsselsheim und Opel Bochum die Kosten aller ihrer Werke in der Welt zu vergleichen und namentlich in Deutschland Konsequenzen einzufordern, ist das Erstaunen groß und die Aufregung grenzenlos. Beinahe täglich kommt eine neue Jobverlagerungsstudie auf den Markt, und das Thema schafft es mühelos auf die Titelseiten der Zeitungen und Magazine. Vom Feuilleton ganz zu schweigen, wo etwa der Soziologe Ulrich Beck Alarm schlägt: "Hilfe, unsere Arbeitsplätze wandern aus!" (SZ vom 20.10.). Werden die Deutschen von der Realität eingeholt, oder sind sie Opfer von Panikmachern?
Die Antwort muss, auf wenige Zeilen zusammengefasst, differenziert ausfallen. Bedrückend in der Tat sind die Fakten. Nicht dass deutsche Konzerne viel im Ausland produzieren, ist das Problem: dies kann durchaus ein Beleg für die strategische Stärke des Unternehmens sein; so hat Siemens seit Jahren mehr Mitarbeiter im Ausland als in Deutschland. Das Problem aber ist die Verlagerung: Immer mehr Unternehmen in Deutschland ersetzen Arbeitsplätze in Deutschland durch solche im Ausland, immer mehr ausländische Unternehmen investieren überall, nur nicht in Deutschland.
Täglich gehen 600 Jobs verloren
Aufmerksamkeit erregen die Standortentscheidungen der Konzerne, aber nahezu unbemerkt verschwinden die Arbeitsplätze im Mittelstand, der doch nach einem allgemeinen Wort das Rückgrat der deutschen Wirtschaft ist. Täglich gehen, heißt es, 600 Arbeitsplätze in der Produktion verloren, 2,2 Millionen seit Mitte der neunziger Jahre. Weitere ein bis zwei Millionen könnten in den nächsten zehn Jahren verschwinden, schätzt die Unternehmensberatung Boston Consulting. Jede vierte Stelle sei in Gefahr.
Auch die Konkurrenten von Roland Berger sind sicher, dass ein Großteil der Verlagerung erst bevorsteht. 90 Prozent der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer wollen danach bis 2009 Teile ihres Betriebs verlagern. Auch eine DIHK-Studie vom Sommer weist nach, dass die Unternehmen sich bei ihrem Investitionsverhalten mehr und mehr auf das Ausland konzentrieren.
Noch gibt es in Deutschland 10,2 Millionen Industrie-Arbeitsplätze, so wenig wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Und schon ist die magische Zehn-Millionen-Grenze in Sicht. Zum Vergleich: 1970 waren es noch 12,4 Millionen Jobs, in der Spitze Anfang der Neunziger sogar 14,1 Millionen, damals allerdings inklusive vieler Arbeitsplätze in einstigen DDR-Kombinaten. Seitdem geht es bergab.
Die Ursache dieser Entwicklung ist mit einem Wort zu benennen: Globalisierung. Dass die Welt immer mehr zusammenwächst, Transport und Kommunikation immer preiswerter und effektiver werden und auch frühere Drittwelt-Länder sich attraktiv entwickeln, gerät dem Exportweltmeister Deutschland einerseits zum Vorteil, setzt ihn aber andererseits auch unter Druck: Es wird immer leichter, sich die attraktivsten Standortbedingungen herauszupicken, vorzugsweise in Osteuropa und Asien. Freilich muss dies kein Trend ohne Umkehr sein. Wer nach den Vorteilen der Standortkonkurrenten fragt, findet dort womöglich auch den Schlüssel zum Gegensteuern.
Probleme, aber auch Lösungen
Anziehungspunkt der neuen Zielländer sind, erstens, die niedrigeren Lohnkosten - also müssten sie auch in jenen deutschen Werken, die in hartem Wettbewerb stehen, sinken - ein zwischen Management und Arbeitnehmervertretern vielerorts heiß umstrittenes Thema.
Arbeitsplatzvernichtend wirken, zweitens, die Lohnzusatzkosten, also die Sozialabgaben. Ob die Unternehmen weiter etwa die gesetzliche Krankenversicherung mitfinanzieren müssen, ist derzeit ebenfalls heiß umstritten.
Kostensenkung ist, drittens, aber nicht alles. Sie hilft vor allem bei einfachen und standardisierten Produkten, wo Deutschland deshalb weiter Marktanteile verlieren wird. Wenn deutsche Unternehmen aber technisch Spitze sind, können sie am oberen Ende der Wertschöpfungskette punkten, mit forschungsintensiveren Hightech-Gütern - das ist denn auch die positive Seite vieler Studien, die auf den ersten Blick nur noch demoralisierend daherkommen.
Theodor Kilgert, Partner der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG in München, kann der Verlagerung sogar einen Vorteil für den Standort D abgewinnen: "Wenn die Ansiedlung bestimmter Aktivitäten an billigeren Standorten die Wettbewerbsfähigkeit der Hersteller insgesamt verbessert, werden diese wiederum eher in der Lage sein, zu Hause in hochwertigere Bereiche zu investieren."
Für Kilgert entsprechen deshalb "die Voraussagen mancher Pessimisten vom Niedergang der westeuropäischen Produktion nicht der Realität". Allerdings beruht diese Schlussfolgerung auf der Annahme, dass die produzierende Basis weiterhin innovativ tätig bleibt und konsequent qualitativ hochwertige und technisch anspruchsvolle Produkte der nächsten Generation herstellt. Dies erfordert erhebliche Investitionen und Anstrengungen - auf allen Seiten.
(SZ vom 26.10.2004)
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