Über die kollektiven Verirrungen amerikanisierter Manager.
Es ist an der Zeit, mit dem Nachahmen amerikanischer Managementmoden aufzuhören. Das gilt besonders für die Corporate Governance. Stattdessen sollten sich die Manager auf die eigenen, europäischen Fähigkeiten und Stärken besinnen und zu einem vernünftigen Wirtschaften zurückkehren. Zwei Denkfehler haben zu naiver Imitation des scheinbar überlegenen US-Managements geführt.
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Der erste Denkfehler: Amerikas Wirtschaft sei stark; tatsächlich ist sie nur groß. Der zweite Denkfehler: Die Ursache dafür sei das gute, weltweit überlegene Management der US-Unternehmen. In Wahrheit ist amerikanisches Management nur dort brauchbar, wo man es mit einfachen Verhältnissen zu tun hat. Für komplexe, multikulturelle, gar globale Aufgaben ist Management à la USA ungeeignet, ja schädlich.
Pflicht und Kür
Die US-Wirtschaft ist in einem desolaten Zustand, der durch falsche Zahlen, tendenziöse Berichterstattung und eine abenteuerliche Wirtschaftstheorie verschleiert wird. Weder stimmen die Wachstumsraten des Sozialprodukts noch die Beschäftigungszahlen; weder sind die Gewinnziffern der Unternehmen richtig, noch gibt es eine nennenswerte Konjunkturerholung. Die in den USA dominierende Wirtschaftstheorie von der "asset-based, wealth-driven economy" ist ein Treppenwitz der Wirtschaftsgeschichte.
Amerika hat die Größe seiner Unternehmen nicht der Qualität des Managements zu verdanken. Die US-Wirtschaft ist groß, weil sie etwas hat, was es sonst in keinem entwickelten Land je gab, nämlich einen großen, weitgehend homogenen Heimatmarkt. Es ist kein Wunder, dass große Unternehmen entstehen, wo es rund 290 Millionen Konsumenten gibt, die alle dieselbe Sprache sprechen, mit derselben Währung bezahlen und über weite Strecken eine Mentalität haben, die die Konsumenten für einheitliche Werbung und Promotion empfänglich und eine einheitliche Produktgestaltung möglich machen.
Management ist leicht, wenn keine Zollgrenzen zu überwinden sind und überall dieselben Verwaltungsvorschriften und Steuergesetze gelten. Nichts von dem gab es bis vor kurzem in Europa. Wir können die Amerikaner um ihre komfortable Lage nur beneiden; nachahmen sollten wir sie nicht.
Die Exportquote des typischen US-Unternehmens ist klein oder inexistent; die des europäischen ist groß. Amerika ist eine Importnation, Europa lebt vom Export. Wo kaum oder ungern Englisch gesprochen wird, hat es sich auf amerikanische Weise bald ausgemanagt. Daher sind die USA keineswegs, wie man gerne glaubt, das Zentrum globalen Denkens und Wirtschaftens.
Das Zentrum ist dort, wo schon vor über 500 Jahren Wirtschaftsbeziehungen mit China und Japan unterhalten wurden, ohne E-Mail, Handy und Düsenmaschinen, und wo kaum Aufhebens von Globalisierungsideen gemacht werden muss, weil sie seit langem ziemlich abgestanden sind, nämlich in Europa. Aus den genannten Gründen ist es um ein Vielfaches leichter, in den USA ein großes Unternehmen zu managen als in Europa. Es gibt somit keinen Anlass, nach Amerika zu blicken, um dort Management für komplexe Verhältnisse zu lernen. Amerikanisches Management ist Pflichtlauf; die Kür ist, ein großes Unternehmen in Europa zu führen.
Zeit umzulernen
Die amerikanisierten MBA-Manager werden nun rasch lernen müssen, dass die Führung eines Unternehmens nicht aus dem Lösen von Fallstudien besteht, sondern aus dessen exaktem Gegenteil, nämlich darin, zu erkennen, wo sich welcher Fall zusammenbrauen könnte. Wenn alles schön sauber in einer Fallstudie niedergelegt werden kann, ist ein Fall kein Problem mehr, sondern nur noch der Vollzug von Arbeit. Wenn man einen Business Plan à la Business Schools anfertigen kann, haben andere das Geschäft längst gemacht, weil sie auf die schwachen Signale reagierten und nicht auf die Rechnungen warteten. Business Administration ist, was der Name sagt, Verwaltung, aber nicht antizipierendes unternehmerisches, gar strategisches Handeln.
Diese Manager-Generation wird die Erfahrung machen, dass die als ultimative Wahrheiten rund um die Welt propagierten Orientierungsgrößen - Shareholder, Stakeholder, Wertsteigerung - in Wahrheit das Gegenteil bedeuten, nämlich Desorientierungsgrößen.
Daher sind Orientierungs- und Ratlosigkeit schon jetzt in den Führungsetagen zu sehen - immer weniger gut kaschierbar, wenn auch noch immer mit Imponiergehabe übertüncht. Die Jüngeren haben noch Zeit umzulernen. Es wird hart für sie sein, aber immerhin möglich. Die bereits Älteren, die durch dieselbe Schule gegangen sind, sich indoktrinieren ließen oder einfach anpassen mussten, werden indessen wenig Zeit zum Umlernen haben. Das Wichtigste für alle wird sein, rasch die kollektiven Verirrungen zu erkennen und sich mit den Alternativen zu befassen.
Der Autor ist Consultant und selbst seit über 25 Jahren erfolgreicher Unternehmer des Malik Management Zentrum St. Gallen.
(SZ vom 2.11.2004)
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