In der nördlichste Region Norwegens treffen sich Menschen aus aller Welt, die ein Ziel eint: Schnell viel Kohle machen und schnell wieder fortkommen.
Geboren wird hier fast niemand, denn es gibt keine Geburtsstation. Auch zum Sterben eignet sich die Gegend nicht, denn im gefrorenen Boden lassen sich schlecht Gräber schaufeln. Aber leben lässt es sich im Bezirk Svalbard im äußersten Norden Norwegens recht gut, zumindest für einige Jahre. Trotz der arktischen Kälte ist die Inselgruppe im Nordpolarmeer ein Anziehungspunkt für Menschen aus aller Welt. Denn hier werden niedrige Steuern gezahlt und viel Geld verdient. Und vor allem: Jeder darf einreisen.
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Ist die abgelegene Region zwischen Norwegens Nordkap und dem Nordpol erst einmal auf der Landkarte ausgemacht und der Reiseweg gefunden, steht der Einwanderung nichts im Weg.
Ein internationaler Vertrag stellte Svalbard 1920 unter norwegische Souveränität und gewährte allen Bürgern der Unterzeichnerstaaten dieselben Rechte. Aber faktisch gilt diese Gleichberechtigung auch für alle anderen Staaten. Weder Visa noch Aufenthaltsgenehmigungen noch Zollbestimmungen machen Fremden auf dem Archipel nordöstlich von Grönland das Leben schwer. "Die einzige Anforderung ist, dass die Menschen, die herkommen, ihr Überleben sichern, ohne auf die Hilfe der Gemeinschaft angewiesen zu sein", sagt Bezirksgouverneur Odd Olsen Ingeröd.
Ein Spaziergang durch die Regionalhauptstadt Longyearbyen auf der Insel Spitzbergen ist wie ein Gang durch das UN-Gebäude in New York: Ein Sprachgewirr aus Englisch, Schwedisch, Französisch, Deutsch, Dänisch, Russisch und sogar Thailändisch verschafft der Stadt ein multikulturelles Flair. Unter den 1700 Einwohnern Longyearbyens sind 200 Ausländer aus 20 Ländern. Mit 50 Einwohnern stellen die Thailänder die größte ethnische Minderheit im Babel von Spitzbergen.
Auch Apidaj Prinkan hat auf der Suche nach dem großen Geld die tropische Sonne seiner südostasiatischen Heimat verlassen. Während er in London als Koch arbeitete, unternahm der Thailänder eine Reise nach Spitzbergen und kam nach kurzer Zeit zurück, um zu bleiben. "Ich verdiene hier gutes Geld und kann meiner Familie zu Hause helfen", sagt er. "Ich schicke ihnen ungefähr 4000 Kronen (fast 500 Euro) im Monat." Dafür nimmt Prinkan dunkle Polarwinter und frostige Temperaturen in Kauf: Die Durchschnittswerte liegen zwischen minus 14 Grad im Winter und sechs Grad über Null im Sommer.
Wer hier arbeitslos oder schwer krank wird, hat allerdings Pech. Anders als im restlichen Norwegen gibt es in dem nördlichsten Bezirk keinerlei soziales Netz. Svalbard ist eine Gegend für Menschen, die schnell ihre Geldbeutel füllen wollen. Eine wichige Einnahmequelle in der Region ist der Kohlebergbau.
Die Verweildauer auf dem Archipel im Nordpolarmeer liegt im Durschnitt bei vier bis fünf Jahren. Abschied wird genommen, wenn die Spardose gefüllt ist. Spätestens im Rentenalter verlassen die meisten Bewohner die eisige Inselwelt, denn soziale Einrichtungen für Alte gibt dort es nicht. Dreiviertel der Bewohner Svalbards sind zwischen 20 und 65 Jahre alt.
Ingeröd betont, dass Svalbard auf keinen Fall eine Oase des leichten Lebens ist. "Manche Leute, deren Einreiseanträge von den norwegischen oder schwedischen Behörden abgelehnt wurden, glauben, sie könnten hier Zuflucht suchen", sagt der Gouverneur. "Das können sie auch, aber sie brauchen erstmal einen Job und eine eigene Unterkunft." Flüchtlinge könnten dies meist nicht vorweisen, sagt Ingeröd. "Sie kommen hier mit leeren Taschen an und haben vielleicht ihr letztes Geld für das Flugticket ausgegeben. Leider ist das ziemlich teuer für ein Unterfangen, das zum Scheitern verurteilt ist."
So manches Mal stellen Neuankömmlinge auch fest, dass Svalbard nicht das ist, was sie sich erträumt haben. Wie im Fall von drei blinden Passagieren aus Tansania. Als sie die Gangway herunterkamen und die schneidend kalte arktische Luft spürten, machten sie sofort kehrt und bestiegen wieder das Schiff nach Afrika.
(AFP, von Pierre-Henry Deshayes)
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