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Studienanfänger an Universitäten Das Last-Minute-Studium

Deutsche Universitäten lassen sich Zeit mit einer Zusage für Studienanfänger. Sie müssen deshalb alles gleichzeitig organisieren - von der Wohnungssuche bis zum Umzug.
Birgit Taffertshofer

Die Wege an die Hochschule sind oft verschlungen. Bei Marc entschied das Los. Mit seiner Bewerbung an diversen Universitäten war er erfolglos, auch im Nachrückverfahren ging er leer aus. Kurz vor Semesterbeginn schien das Studium in weite Ferne gerückt zu sein.

Erstsemester in einer Medizin-Vorlesung an der Uni Leipzig: Die ZVS soll künftig anhand von einfachen Kriterien, wie Noten oder Wartezeiten, eine Rangliste mit den besten Bewerbern erstellen.

(Foto: Foto: ddp)

Doch dann entdeckte er eine Internetseite, eine Börse für abgelehnte Studienplätze in Baden-Württemberg - und hatte Glück. Im Losverfahren fielen ihm und etwa 200 anderen Bewerbern doch noch Restplätze zu. Die Freude paarte sich allerdings schnell mit Frust: Studienstart, Wohnungssuche, Umzug, alles musste Marc nun gleichzeitig organisieren.

Monatelange Unsicherheit

Viele Studienanfänger klagen über späte Zusagen von Unis. Die Ursache dafür sind aufwendige Nachrückverfahren und die knappe Zeit zwischen Abitur und Studienbeginn. Seit die Hochschulen ihre Studenten überwiegend selbst auswählen dürfen, schicken viele Abiturienten ihre Bewerbung gleich an mehrere Hochschulen; die Folge ist für viele eine monatelange Unsicherheit, wo sie am Ende einen Studienplatz erhalten werden, manche verpassen dadurch auch den Start ins erste Semester.

Die Hochschulen sollen künftig zumindest einheitlich ihre Zulassungszusagen Mitte August verschicken; darauf verständigten sich Rektoren und Politiker im März. Die Bewerbungsfrist für zulassungsbeschränkte Studiengänge endet am 15. Juli. Außerdem wollen sie eine zentrale Servicestelle aufbauen, die Zu- und Absagen umgehend erfasst und koordiniert. Nach langem Hin und Her wird dieser Service aber erst im Herbst 2011 starten, bis dahin bleibt es bei Behelfsangeboten wie den Börsen im Internet.

Das dreimonatige Zeitfenster zwischen Bewerbungsende und Studienbeginn bleibt aber eng - und könnte sich noch weiter verkürzen. Denn die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) würde am liebsten den Vorlesungsbeginn um etwa sechs Wochen vorziehen. Angeblich würde dies helfen, den internationalen Austausch von Studenten zu erleichtern.

Bundesweiter Kraftakt

Als einzige deutsche Hochschule hat die Uni Mannheim ihren Semesterstart bereits vor zwei Jahren vorgezogen und damit gute Erfahrungen gemacht. Zuletzt wurden dort im Schnellverfahren 15.000 Bewerbungen für 2200 Studienplätze bearbeitet. Die Interessenten gaben alle nötigen Daten online in ein System ein und reichten bis zum bundesweiten Bewerbungsschluss am 15. Juli die Unterlagen und Zeugnisse auf Papier nach. In Spitzenzeiten beschäftigte die Uni bis zu 40 Hilfskräfte, um den Studenten möglichst vier Wochen vor dem Studienbeginn Anfang September antworten zu können.

Nach den Erfahrungen gibt es in Mannheim Zweifel, ob dieser Kraftakt auch bundesweit möglich wäre. "Die Zeitspanne zwischen Bewerbungsende und Studienbeginn muss verlängert werden", meint Uni-Sprecher Achim Fischer. Schließlich wollten die Universitäten die besten Studenten für sich gewinnen. Wenn junge Leute aber in einen fernen Studienort ziehen sollen, müsse man ihnen auch zugestehen, sich ohne Hektik dort einrichten zu können.

Auf der nächsten Seite: Wie die Hochschulen die Auswahl ihrer Studenten nach eigenen Vorstellungen verfeinern wollen.

ZVS und Online-Servicestelle

Englisches Vorbild

Die Zeitknappheit birgt ein weiteres Risiko: Sie könnte alle Vorteile des geplanten Umbaus der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) in eine Serviceeinrichtung wieder zunichte machen. Die ZVS soll künftig anhand von einfachen Kriterien, wie Noten oder Wartezeiten, eine Rangliste mit den besten Bewerbern erstellen. Danach können die Unis die Auswahl nach eigenen Vorstellungen verfeinern, etwa Gespräche führen oder Essays verlangen. Drängt die Zeit, könnte jedoch die Verführung groß sein, die Zulassung anhand der einfachen Notenliste vorzunehmen.

Ein möglicher Ausweg wäre, dem englischen Vorbild zu folgen. Engländer bewerben sich meist nicht mit dem Abschlusszeugnis, sondern mit dem Zeugnis des elften Schuljahrs und den Prognosen der Lehrer. Erst die Zulassung der Studenten erfolgt auf Basis der Abschlüsse. So kann die Bewerbungsphase bereits im Januar abgeschlossen werden und die Studierwilligen erhalten schon im April die Bescheide. In Deutschland dagegen können sich Abiturienten erst bewerben, wenn sie das Zeugnis in den Händen halten. Die Schulen sperren sich gegen vorläufige Zeugnisse; das würde eine Entwertung des Abiturs bedeuten, sagen sie.

Zusätzliche Verwirrung

Die ZVS schlägt als möglichen Zwischenschritt deshalb vor, dass die Schulen künftig die Abiturnoten direkt nach der Vergabe, also spätestens Anfang Juni, online an die Servicestelle überspielen, was zumindest wieder einen zusätzlichen Monat für die Auswahlverfahren bringen würde. Um sich die besten Abiturienten zu sichern, hat jetzt außerdem die Universität Bochum angekündigt, Bewerbern mit sehr guten Noten umgehend eine Zusage zu senden, also nicht erst bis Mitte August zu warten.

Ob dagegen der Vorschlag, die Semesterzeiten vorzuziehen, jemals realisiert wird, ist fraglich. Derzeit liege der Plan auf Eis, sagt Karl-Dieter Grüske, Rektor der Uni Erlangen-Nürnberg und HRK-Vizepräsident. In den nächsten Jahren drängen die letzten starken Jahrgänge an die Unis; in dieser Zeit würde eine weitere Reform nur zusätzliche Verwirrung stiften. Wegen der doppelten Abiturjahrgänge, die durch die Verkürzung der Gymnasialzeit entstehen, mussten die Schulen allerdings bereits ihre Blockade gegen vorläufige Zeugnisse aufweichen - anders würde der Ansturm von Studienanfängern nicht zu bewältigen sein.