Studie zu Krankschreibungen Es muss schon eine Bronchitis sein

Die Wartezimmer deutscher Ärzte sind voll, weil es das Gesetz so will.

(Foto: dpa-tmn)

Arbeitnehmer müssen ab dem vierten Fehltag eine Bescheinigung vorlegen. Gegen Blaumacher hilft diese Regelung nicht. Sie kostet die Kassen Geld und die Ärzte Zeit.

Kommentar von Guido Bohsem

Kranksein hat hierzulande nicht den besten Ruf. Wer sich länger als ein, zwei Tage vom Job abmeldet, gerät in einer auf Leistung ausgerichteten Gesellschaft leicht in den Verdacht, sich eine schöne Zeit zu machen. Weshalb aus leichten Erkrankungen zumindest schwer klingende Erkrankungen gemacht werden. Also heißt ein Husten mit Fieber nicht mehr Husten mit Fieber und erst recht nicht mehr Erkältung. Nein, um ihre Patienten nicht dem Verdacht auszusetzen, sie blieben wegen einer Lappalie im Bett, sprechen die Hausärzte lieber von einer Bronchitis. Handelt es sich sogar um eine schwere Bronchitis, sinkt der kranke Arbeitnehmer wahrhaft beruhigt ins Bett.

Die Arbeitswelt misstraut der leichten Erkrankung. Sie zählt nichts mehr. Krankfeiern will sich keiner nachsagen lassen. Wer vernünftig ist und sich auskuriert, gerät in Verdacht. Folglich schleppen sich die verschnupften und verrotzten Büromenschen lieber an den Arbeitsplatz und dopen sich mit frei verkäuflichen Mittelchen über den Tag. Misstrauen regiert, Vertrauen kommt zu kurz.

Befördert wird die moderne Misstrauens-Kultur am Arbeitsplatz von einer alten Regelung. Arbeitnehmer müssen spätestens nach dem dritten Tag ihrer Erkrankung eine Krankschreibung vorlegen, wollen sie nicht eine Abmahnung oder gar eine Kündigung riskieren. Dabei ist die Regelung in den allermeisten Fällen unnötig. Denn sie zwingt Menschen zum Arzt, die auch ohne medizinische Hilfe in spätestens fünf Tagen wieder auf den Beinen und in zwei Wochen wieder völlig gesund wären.

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Stattdessen sitzen in den Wartezimmern des Landes haufenweise Kranke mit harmlosen Erkältungen, weil der Staat das eben so vorschreibt. Das ist teuer für das Gesundheitswesen, denn auch diese an sich überflüssige Untersuchung müssen die Kassen schließlich bezahlen. Schlimmer noch: Die bürokratisch verordneten Arztbesuche rauben den Ärzten genau die Zeit, die sie besser (und lieber) für Patienten reservieren würden, die sie nötiger haben. Auch wegen dieser Regelung gelten die Deutschen als Weltmeister im Praxis-Rennen, gehen sie doch deutlich öfter zum Doktor als die Bürger anderer Länder.

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Um dem Verdacht des Krankfeierns zu entgehen, schleppen sich viele Arbeitnehmer krank zur Arbeit. Nun raten Wissenschaftler, die Drei-Tage-Frist bei Krankschreibungen zu verlängern - auch um das unnötige Warten beim Arzt und hohe Kosten für die Krankenkassen zu vermeiden. Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

Unzeitgemäße Regelung

Was gegen die Misstrauens-Kultur bei der Krankschreibung zu tun ist, steht nun in einer Untersuchung der Universität Magdeburg. Die Wissenschaftler plädieren ganz einfach dafür, die Frist zu verlängern, in der ein Arbeitnehmer im Krankheitsfall den Arzt aufsuchen muss. Sollte die Frist auf vier, fünf oder sieben Tage verlängert werden, sind sich die Forscher sicher, würde dies auch nicht zu mehr Fehltagen führen. Einmal ganz davon abgesehen, dass eine solche Regelung ohnehin nicht mehr angemessen ist, angesichts von zunehmend flexibleren Arbeitsformen wie Home-Office-Modellen, Teilzeit-Beschäftigungen, Projektarbeiten und einer generellen Entgrenzung von Arbeit und Freizeit.

Für notorische Blaumacher würde das Leben dadurch mit Sicherheit nicht einfacher. Schon jetzt kann der Arbeitgeber bereits nach dem ersten Fehltag auf den gelben Schein des Arztes pochen. Diese Regelung könnte man bei einer Verlängerung der Frist durchaus beibehalten. Wer einen chronischen Brechdurchfall behauptet, der zudem auch noch bevorzugt montags oder freitags auftritt, hätte es damit weiterhin schwer, ungeniert blauzumachen.

Gegen die Verlängerung der Drei-Tages-Frist wird häufig vorgebracht, dass auch die schwer Erkrankten nicht zum Arzt gehen und nicht schnell genug behandelt werden. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Doch sagen erfahrene Hausärzte, dass es sich dabei um die absoluten Ausnahmefälle handelt. Und natürlich stünde es auch unter einer neuen Regelung jedem frei, sofort einen Doktor aufzusuchen - auch wenn ihn "nur" eine Erkältung plagt.