Zeitjobber sind zufriedener als unbefristet Beschäftigte - solange sie auf eine Festanstellung hoffen können.
Sie haben Stress. Sie haben Angst um ihren Job. Und sie fühlen sich von ihrem Unternehmen unfair behandelt: Eine neue Studie zeichnet ein trauriges Bild vom Seelenleben des fest angestellten Arbeitnehmers. Dabei galt das Interesse der Forscher eigentlich einer ganz anderen Gruppe von Beschäftigten: den Zeitjobbern mit befristeten Arbeitsverträgen. Die Psychologen starteten ihre Untersuchung in der Annahme, dass Zeitjobber im Vergleich zu Menschen mit festem Vertrag im Nachteil sind und darunter leiden. Mehr als 5200 Mitarbeiter und 200 Personalverantwortliche in Schweden, England, Spanien, den Niederlanden, Belgien, Israel und Deutschland wurden für das EU-Forschungsprojekt "Psychological Contracts across Employment Situations" befragt.
Enttäuschung unter Vertrag: Festangestellte haben den Eindruck, dass sie mehr investieren als sie vom Unternehmen zurück bekommen. (© Foto: photodisc)
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Das Ergebnis der Umfrage stellte die Hypothese der Wissenschaftler auf den Kopf. Es sind die Festangestellten, die mit ihrer Situation unzufriedener sind. Sie fühlen sich weniger wohl als ihre Kollegen mit Zeitvertrag, ihr Gesundheitszustand ist schlechter. Position und Bildungsstand spielen dabei keine Rolle. Egal, ob Arbeiter am Fließband oder Akademiker im Bildungswesen: Ein unbefristeter Vertrag scheint unweigerlich auf die Stimmung zu schlagen.
Wie die Studie zeigt, liegt das zum Teil an den unterschiedlichen Arbeitsbedingungen. In den Firmen hat sich eine regelrechte Zweiklassen-Gesellschaft etabliert. Jeder zweite Vorgesetzte gab an, seine Mitarbeiter je nach Vertragsdauer anders zu behandeln - mit paradoxen Folgen. "Zwar werden die festen Mitarbeiter in der Regel bevorzugt behandelt", sagt Thomas Rigotti vom Lehrstuhl für Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Leipzig, der die Situation für Deutschland untersucht. "Sie haben mehr Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten einzubringen und sich fortzubilden. Und sie haben mehr Freiheiten in ihrer Arbeit. Aber sie werden auch stärker gefordert als Zeitjobber. Sie haben mehr Verantwortung und mehr Stress."
Am schlimmsten ist für viele Festangestellte der permanente Zeitdruck. Darauf führen die Wissenschaftler auch die schlechteren gesundheitlichen Werte zurück. Selbst zu Hause könnten diese Mitarbeiter nie ganz abschalten. Probleme im Job verfolgten sie am Feierabend und im Urlaub. Dazu komme ein Gefühl der Unsicherheit. Ein unbefristeter Vertrag scheint die Angst vor dem Job-Verlust nicht auszuräumen. "Diese Belastung ist bei den Festangestellten höher, weil sie mehr zu verlieren haben", sagt Rigotti.
Zu alledem komme das Gefühl, dass der Arbeitgeber zu wenig biete. Die Leipziger Psychologen erklären das mit einer höheren Erwartung, die der unbefristet Beschäftigte an sein Unternehmen stelle. Beide verbindet neben dem Arbeitsvertrag nämlich ein so genannter psychologischer Vertrag, der die impliziten Versprechen und Verpflichtungen umfasst. Vorgesetzte erwarten von ihren Mitarbeitern zum Beispiel, dass sie pünktlich sind und auch kommen, wenn es ihnen nicht so gut geht. Die Mitarbeiter gehen im Gegenzug davon aus, dass sie Karriere machen oder mehr Geld verdienen können.
Bei Festangestellten überwiegt der Studie zufolge die Enttäuschung. Sie haben den Eindruck, dass sie mehr investieren als sie zurückbekommen. Sie fühlen sich tendenziell unfair behandelt und bringen ihrem Arbeitgeber daher weniger Vertrauen entgegen als Zeitjobber. Immerhin scheint sich die Enttäuschung nicht auf die Motivation auszuwirken. Beim Engagement liegen festangestellte und befristete Mitarbeiter gleichauf.
In Deutschland arbeiten inzwischen zehn bis zwölf Prozent der Erwerbstätigen mit Zeitvertrag. Bei den Neueinstellungen sind 40 Prozent der Verträge zunächst befristet. Die Firmen stellen laut Umfrage Mitarbeiter auf Zeit ein, um Auftragsspitzen abzufangen, um erst einmal auf Probe zu beschäftigen oder um Festangestellte zu ersetzen, die für längere Zeit ausfallen. Im Schnitt sind die Zeitjobber jünger. In der Studie macht der Unterschied acht Jahre aus. "Das erklärt aber nicht die unterschiedlichen Werte beider Gruppen. Das Ergebnis bleibt dasselbe, wenn man das Alter herausrechnet. Es könnte höchstens ein Generationen-Effekt sein, dass also die Jüngeren mit anderen Erwartungen an die Arbeit herangehen und mit den Bedingungen anders umgehen", sagt Rigotti.
Die befragten Zeitjobber arbeiteten seit durchschnittlich zwei Jahren in ihrem Unternehmen und hatten noch ein Jahr bis zum Vertragsablauf vor sich. "Wir haben bewusst nicht die extrem prekären Beschäftigungsverhältnisse, sondern relativ sichere Arbeitsplätze untersucht", sagt Rigotti. Auch Beschäftigte in Zeitarbeitsfirmen blieben außen vor.
Die meisten Zeitjobber hoffen, im Anschluss an ihren Zeitvertrag übernommen zu werden. "Viele sind optimistisch, dass es klappt", sagt der Psychologe. Doch gegen Ende ihres Arbeitsverhältnisses sinke die Stimmung. Die Aussicht, sich womöglich bald wieder neu orientieren zu müssen, sorge für Stress.
Die Arbeitsforscher wollen ihre Studie deshalb auch nicht als Plädoyer für mehr Zeitverträge verstanden wissen. Es sei schließlich noch nicht untersucht worden, wie sich befristet Beschäftigte auf Dauer fühlen, wenn sich zum Beispiel ein Zeitvertrag an den anderen reiht. Auf keinen Fall sei der befristet Angestellte der bessere Arbeitnehmer, sagt Rigotti. "Der Appell an die Arbeitgeber ist: Kümmert euch um die Festangestellten! Das sind eure langjährigen Leistungsträger."
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