Studie 500.000 Mobbing-Opfer an Deutschlands Schulen

In fast jeder Schulklasse wird drangsaliert.

"Die Situation wird immer schlimmer", sagte Mechthild Schäfer, Mobbing-Expertin und Entwicklungspsychologin an der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität, der Welt. Ihre Untersuchungen haben ergeben, dass es Mobbing inzwischen in nahezu jeder deutschen Schulklasse gibt.

"Etwa ein Kind von fünfundzwanzig kann als ernstes Opfer von Mobbing bezeichnet werden, das ein- oder mehrmals in der Woche Attacken über sich ergehen lassen muss", so Schäfer. Das entspreche bei rund zehn Millionen Schülern in Deutschland knapp einer halben Million Mobbing-Opfer. Alle Schularten werden mit dem Problem in ähnlicher Intensität konfrontiert: Es gibt an Hauptschulen auf dem Land genauso viele Mobbing-Fälle wie an einem Gymnasium in der Stadt.

Das Thema Mobbing wird laut Schäfer in den Lehrerzimmern "gewaltig unterschätzt". Daher fordert die Wissenschaftlerin ein gezieltes Lehrertraining und eine breite öffentliche Diskussion. "Wir müssen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die lieben Kleinen sich oft unsanktioniert eines Instrumentatriums bedienen, für das man - wenn man strafmündig ist und angezeigt würde - durchaus ins Gefängnis wandern kann", so Schäfer.

Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands (DPhV), Heinz-Peter Meidinger, hält die von Schäfer angegebene Zahl von 500.000 Mobbing-Opfern für realistisch. "Es ist erschreckend, wie häufig solche Fälle von Lehrern lange Zeit unentdeckt bleiben", sagte Meidinger der Welt. Vielfach fielen Lehrer aus allen Wolken, wenn sie erführen, dass Kinder seit langer Zeit drangsaliert worden seien. Seine Kollegen forderte er zu "erhöhter Sensibilität" auf.

Das Aufbrechen von Mobbing-Strukturen sei jedoch eine ungemein diffizile Aufgabe. "Tatsache ist, dass die bekannten Muster zur Konfliktbewältigung wie offene Diskussion in der Klasse oder Gegenüberstellung der Betroffenen nicht nur nicht greifen, sondern teilweise auch kontraproduktiv sind", sagte Meidinger. Die Aufklärung werde auch dadurch erschwert, "dass Eltern von Mobbing-Tätern das Verhalten ihrer Kinder häufig decken".