Studentisches Ehrenamt "Und was bringt mir das?"

Viele Studenten wollen so schnell wie möglich ihren Abschluss bekommen - für ein Ehrenamt an der Hochschule bleibt da keine Zeit. Es sei denn, es lohnt sich.

Von Birgit Taffertshofer

Sarah Maurer hat kapituliert. Die Studentin wollte gegen Vorurteile ankämpfen, Diskussionen organisieren, Studenten aus ganz Europa zusammenbringen. Sie wollte Grenzen überwinden und ist an ihren eigenen gescheitert. Denn ihre Arbeit für das europäische Studentenforum an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen kostete nicht nur Kraft, sondern auch Zeit. Zeit, die der 23-Jährigen für ihr Ingenieurstudium fehlte.

Studentisches Ehrenamt

Zu beschäftigt für das Uni-Radio: Aus Zeitnot arbeiten immer weniger Studenten in Hochschulgruppen mit.

(Foto: Foto: ddp)

Nicht selten kollidierte ihr ehrenamtlicher Einsatz mit Vorlesungen. Die Folge: jede Menge Stoff zum Nachholen. "Ich spürte irgendwann nur noch Frust, nichts mehr gelang mir so, wie ich es wollte", sagt Sarah Maurer. Ihr Ehrenamt hat sie jetzt aufgegeben. Damit ist im Aachener Studentenforum schon der zweite wichtige Posten vakant. Bewerber? Fehlanzeige. Aus Zeitnot arbeiten immer weniger Studenten in Hochschulgruppen mit.

Die Situation für Studenten war wohl selten so unsicher wie heute. Die Hochschulen befinden sich im Umbruch: Sie verlangen Studiengebühren und führen internationale Abschlüsse ein. Bachelor, das bedeutet: sechs Semester Regelstudienzeit, Praxisorientierung, regelmäßige Tests und Prüfungen. Und jede Note zählt fürs Abschlusszeugnis, von Anfang an. Wer zu schlecht abschneidet, wird nicht zum Master zugelassen. Jedes zusätzliche Semester kostet bares Geld, das wiederum im Nebenjob oft erst verdient werden muss.

Während das Für und Wider dieser Reformen heftig diskutiert wird, warnen viele Hochschulgruppen nun vor einer bisher kaum beachteten Nebenwirkung: Das studentische Ehrenamt gerät ins Abseits.

Die Karriere im Blick

Damit ihre Hochschule nicht zur anonymen Wissensfabrik verkommt, werden Studenten in Aachen nun aktiv. Sie verlangen, dass ihnen die Gebühren erlassen werden, wenn sie zentrale Funktionen in einem Hochschulverein übernehmen. "Wir müssen Anreize schaffen, um die studentische Selbstverwaltung zu retten", sagt Elektrotechnikstudent Sebastian Winter. Schließlich leisteten die Vereine wichtige Aufgaben.

An der RWTH- Aachen sind sie eine Anlaufstelle für ausländische Studenten, sie betreuen Erstsemester, stellen Kontakte zu Arbeitgebern her oder organisieren Vorträge und Exkursionen. Und nicht nur das europäische Studentenforum kämpft vergeblich um Mitstreiter, berichtet Winter. Mittlerweile machten sich bereits zwölf Hochschulgruppen Sorgen um ihre Existenz.

Die wachsende Unlust, sich am Hochschulleben zu beteiligen, beobachten auch Sozialwissenschaftler. Ursache dafür seien aber nicht nur die straffen Stundenpläne und die Studiengebühren, sagt Dieter Rucht vom Wissenschaftszentrum in Berlin. Die "hochgradig zweckrationale" Jugend erkenne oft auch keinen Nutzen mehr darin, an der Uni ehrenamtlich zu arbeiten.

Bedeutungsverlust der Uni als Ort der Sinnfindung

Da den Jugendlichen von allen Seiten eingeschärft wird, die Ausbildung möglichst schnell und gut abzuschließen, kalkulieren sie oft nur noch, was ihnen später auf dem Arbeitsmarkt hilft: Auslandsaufenthalt, Sprachkurs, Praktika. Selbst beim Ehrenamt haben sie die Karriere im Blick, meint Rucht. Die Universität als Ort der Sinnfindung habe ihre Bedeutung verloren - den Schaden trage die Gesellschaft.

"Und was bringt mir das?", diese Frage hören auch Mitarbeiter des Bochumer Studentensenders häufig. Weil sich die Radiodienste im Bachelor-Studium als Praktikum anrechnen lassen, haben sie zwar viele Bewerber. Doch sobald die Zeit abgeleistet ist, sei alles Flehen umsonst, erzählt Thomas Schnieders, Vorstandsvorsitzender von CT Radio: "Es sieht düster aus." Allein mit Praktikanten lasse sich keine Sendung stemmen. Sollte nichts Unerwartetes mehr passieren, müsse CTRadio zu seinem zehnten Geburtstag im November erstmals das Programm zusammenstreichen.

Mal entfällt eine Radiosendung, mal das studentische Kino, mal ein Vortrag. Seit die Ruhr-Universität in Bochum als eine der ersten deutschen Hochschulen 1993 begonnen hat, die Studiengänge auf die Bachelor-Master-Struktur umzustellen, sei manches Angebot weggebrochen, sagt Katharina Schieck.

Die Studentin sitzt vor ihrem Computer im Fachschaftsbüro, vor ihr liegen aufgeschlagene Bücher, daneben läutet ein Telefon. Sie investiert fast jede freie Minute in die Fachschaftsarbeit, berät Studenten, organisiert Treffen und überwacht, ob die Uni die Studiengebühren sinnvoll einsetzt.

Studis mit Scheuklappen

Doch viele Studenten haben offenbar den Glauben an den Sinn studentischer Hochschulpolitik verloren. Die Wahlbeteiligung für Studentenausschüsse liegt heute im Schnitt unterhalb von zehn Prozent. "Die Kluft wird immer größer", bedauert Schieck, "die meisten kommen mit Scheuklappen an die Uni, besuchen ein Seminar, holen sich Bücher aus der Bibliothek und fahren wieder nach Hause - oder gehen jobben."

Die 22-Jährige schätzt, dass sie durch ihre hochschulpolitische Arbeit zwei Semester länger studieren wird als andere. Sie nimmt es gelassen, denn sie hat Glück: Wie einige andere deutsche Hochschulen entschädigt die Uni Bochum die Mitglieder von Fachschaftsräten. Sie sind von den Studiengebühren befreit - was aber auch zu Zerwürfnissen führt.

Vor allem die Theaterwissenschaftler ärgern die Uni-Leitung. In dem Studiengang ließen sich von knapp 400 Hochschülern 134 in den Fachschaftsrat wählen. Die Begründung: In unterfinanzierten, künstlerischen Fächern müssten Studenten eben vieles selbst organisieren. Für manche mag das einleuchtend klingen, die Uni nennt es Rechtsmissbrauch. Jetzt streitet man vor Gericht.

Studentenvertreter rufen nach Unterstützung

Vielleicht ist der ungewöhnliche Vorgang in Bochum ein Grund dafür, dass sich in Bayern wenig Universitäten mit der Idee anfreunden können, Studentenvertreter von den Gebühren zu befreien. Die beiden Münchner Universitäten, aber auch Erlangen, Bamberg, Passau und Bayreuth fördern stattdessen lieber Studenten mit guten Zensuren. Man wolle Mitglieder des Fachschaftsrats nicht in den Ruf bringen, sich nur wegen des Geldes wählen zu lassen, argumentieren die Hochschulen. Aber auch in Bayreuth rufen gestresste Studentenvertreter nun nach mehr Unterstützung.

In Aachen wollen Uni-Spitze und Studenten im September die Frage beantworten, wie sie die Arbeit der Hochschulgruppen erleichtern können. Rektor Burkhard Rauhut sucht den Kompromiss. Außer den Fachschaftsräten will er auch Studenten entlasten, die als Tutoren arbeiten oder zur internationalen Verständigung beitragen.

Für sie soll es Stipendien geben, die aus den Studiengebühren finanziert werden. Ob sich die Hochschulvereine damit schon zufrieden geben, wird sich zeigen. Den potentiellen Nachfolgern von Sarah Maurer wäre jedenfalls geholfen. Sie selbst wird ihre Entscheidung nicht mehr überdenken. Sie sagt: "Ich will jetzt zügig weiterstudieren."