Studentenproteste in Österreich Verschanzt im Audimax

Eine Welle von Studentenprotesten rollt derzeit über Österreich. In Wien besetzen Studenten seit Tagen den größten Hörsaal - und animieren weitere Unis zur Nachahmung.

Von Maria Holzmüller

Ein Hauch von 1968 weht derzeit durch die Universitäten Österreichs. In Wien besetzen Hunderte Studenten seit fünf Tagen die größten Hörsäle ihrer Universitäten. Mit ihrer Protestaktion wollen die Studenten ihrem Unmut über die geplanten Zugangsbeschränkungen an den Hochschulen und die neu entflammte Diskussion um die Wiedereinführung von Studiengebühren Ausdruck verleihen.

Ihren Ausgangspunkt nahmen die Studentenproteste vor einer Woche an der Akademie der Bildenden Künste in Wien und griffen am Donnerstag auf die Universität Wien über. Mehrere hundert Studenten hatten das Audimax der Universität gestürmt, wie österreichische Medien berichteten. Seitdem weigern sich die Besetzer, den Hörsaal wieder zu verlassen. Hier wird geschlafen, gegessen, diskutiert - und mitunter auch gefeiert, zu Popmusik und Vivaldis "Vier Jahreszeiten". Mittlerweile haben auch Studenten der Universität Graz einen Hörsaal ihrer Hochschule besetzt. Studentenvertreter der Technischen Hochschule Wien unterstützen die Proteste.

Der österreichische Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) zeigt sich bislang wenig beeindruckt von den Aktionen der Studenten. Er sei nicht bereit, auf die Protestierenden zuzugehen, verkündete er vor dem Sonderministerrat anlässlich des österreichischen Nationalfeiertags am Montag. Wenn die Österreichische Hochschülerschaft (ÖH) mit ihm sprechen wolle, solle sie auf ihn zugehen.

Flashmob mit quietschenden Plastikhühnern

Während ein Großteil der Studenten weiterhin das Wiener Audimax unter Kontrolle hielt, organisierten sich am Montag rund 100 Studenten zu einem Flashmob und stürmten mit quietschenden Plastikhühnern "bewaffnet" das Wissenschaftsministerium, das anlässlich des Nationalfeiertags einen Tag der offenen Tür feierte. Angesichts der lautstarken "Kikeriki"- und "Der Hahn gehört gerupft"-Rufe - in Anspielung auf Wissenschaftsminister Hahn - verließen die Besucher des Ministeriums fluchtartig das Gebäude, wie die österreichische Zeitung Der Standard berichtete.

Direkte Stellungnahmen der Audimax-Besetzer sind dagegen nach Angaben der Zeitung schwer zu bekommen. Im Audimax wolle niemand mit Journalisten reden, jeder berufe sich auf das basisdemokratische Prinzip, dass niemand mehr zu sagen habe, als andere. Derweil findet sich auf der Website der protestierenden Studenten ein Forderungskatalog, in dem unter anderem die "vollständige Abschaffung der Studiengebühren", "freier und unbeschränkter Zugang zu Master-Studien und mehr Transparenz für das Aufnahmeverfahren für die Bachelor-Studien" angemahnt werden.

Der Österreichische Rundfunk (ORF) zitiert auf seiner Web-Seite zudem einen anonym bleibenden Studentensprecher aus dem besetzten Wiener Audimax, der die "Re-Demokratisierung und Stärkung der Mit- und Selbstverwaltung in allen Bildungseinrichtungen, die Ausfinanzierung der Unis, selbstbestimmtes Lernen und Leben ohne Konkurrenz- und Leistungsdruck, freie Masterzugänge, keine verpflichtende Studieneingangsprüfung" und "Abschaffung aller Bildungs- und Studiengebühren auch für Migranten und Migrantinnen" fordert.

Für Proteste hatte jüngst auch der Ansturm deutscher Studenten auf österreichische Universitäten gesorgt. Weil sie in Deutschland den nötigen Numerus clausus nicht vorweisen können, wählen zahlreiche Studenten eine Hochschule im Nachbarland. Nicht zuletzt deswegen sollen jetzt auch in Österreich Zugangsbeschränkungen für mehrere Studiengänge eingeführt werden.

100.000 Euro Zusatzkosten, allein an einem Tag

Die intellektuelle Elite des Landes zeigt sich mit den Protestierenden solidarisch. Am Montagabend wurde der Schriftsteller Robert Menasse im Wiener Audimax erwartet, die Autoren Klaus Werner Lobo und Isolde Charim sollten kurze Vorträge halten und anschließend mit den Studenten über die Frage diskutieren, was sich an den Unis ändern soll, wie Der Standard berichtet.

Auch aus Deutschland kommen Solidaritätsbekundungen für die protestierenden Studenten. Der Bundesvorstand der Grünen Jugend verkündete: "Wir begrüßen es sehr, dass die österreichischen Studierenden sich zur Wehr setzen. Sparmaßnahmen der Regierung im Bildungssektor dürfen nicht zur Einführung von Studiengebühren führen. Im Gegenteil: Wo für Banken Millionen ausgegeben werden, muss auch für Bildung Geld da sein - schließlich ist dies eine notwendige Investition in unsere Zukunft."

Für die Universität Wien wachsen derweil mit jedem Tag der Besetzung die anfallenden Kosten. Wie der ORF berichtet, hätten allein der erste halbe Besetzungstag und die darauf folgende Nacht Zusatzkosten von 100.000 Euro verursacht, etwa durch den verstärkten Sicherheitsdienst, Sachschäden wie beschmierte Wände und beschädigte Lampen sowie verstärkte Reinigungsdienste. Gerüchte um eine geplante Räumung durch die Polizei bestätigten sich bisher jedoch nicht.

"Tag der freien Bildung"

Während zahlreiche Universitäten des Landes dem Beispiel der Wiener Studenten folgten, wurde mitunter auch Kritik laut. Die Medizin-Fakultäten in Wien und Innsbruck distanzierten sich vom "Vandalismus", forderten aber ebenfalls zusätzliche finanzielle Mittel. Die ÖH-Vertreter der juristischen Fakultät der Uni Wien stellten sich dezidiert gegen die Audimax-Besetzung. Sie bemängeln, dass die eigentlichen Anliegen der Studenten im Rummel um die Besetzung beinahe untergehen und kaum Beachtung in den Medien finden.

Die Bundesvertretung der ÖH rief unterdessen den Dienstag zum "Tag der freien Bildung" aus, für Mittwoch ist eine Großdemonstration der Studenten in Wien geplant. Bis dahin soll auch das Audimax besetzt bleiben - mindestens.

Nackte Proteste

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