Nackt lässt sich schön protestieren: gegen Studiengebühren oder Dozentenmangel. Das beweisen "Semesterakt"-Kalender und freizügige Studenten-Demos. Aber ob's der Bildung hilft?
Niemand soll es wissen, aber jeder darf es sehen. Tina zieht sich aus, um ihr Studium zu finanzieren, wie sie sagt. Dafür hat sie eine Webseite eingerichtet, auf der auch über Studiengebühren diskutiert werden darf. Denn mit ihrer Aktion wolle sie nicht nur ihre Ausbildung sichern, sondern das Ganze sei auch ihr "Protest gegen Studiengebühren, Abschaffung des Bafög und verzinste Studiendarlehen", schreibt Tina auf ihrer Seite.
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Einer der Semesterakte aus dem Kalender der Uni Kiel. (© Foto: Sonja Hünecken und Michael Inselmann)
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Es ist allerdings ein anonymer Protest. Tina verrät weder ihren Namen noch wo sie wohnt und in Wirklichkeit hat sie wohl auch einen anderen Vornamen. Bei manchem Besucher ihrer Seite löst das Zweifel aus. So schreibt einer: "Dass diese Seite nicht sonderlich vertrauenswürdig wirkt, ist die eine Sache. Dass sich persönliche, kommerzielle Interessen auf dem Rücken der Diskussion um Studiengebühren austragen lassen, eine andere." Inzwischen laufen auf Tinas Seite auch Anzeigen, unter anderem werben ein Handy-Anbieter, ein Literaturmagazin und ein Single-Treffpunkt um neue Kunden.
Es ist nichts Neues, dass sich Studierende für ihre Bildung ausziehen. Vor einem Jahr hatten Sport-Studenten der Uni Bremen die Idee, einen Akt-Kalender zu organisieren. Allerdings wollten sie das Geld nicht, wie Tina, für sich selbst verwenden, sondern mit den Erlösen Bücher für ihre Fakultät kaufen. "Für uns stand das politische Interesse im Vordergrund", sagt Adrian Stroiwas, der den Kalender mitorganisiert hat.
Inmitten des selbst ausgelösten Rummels mussten er und seine Kommilitonen dann feststellen, dass manchen Medien die nackten Körper wichtiger waren als die Botschaft. Immerhin waren so die "Semesterakte" im Nu an den Mann gebracht. Doch von den Erlösen in Höhe von mehreren tausend Euro ist nicht viel übrig. "Das Steuersystem hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. 60 Prozent der Einnahmen sind an Vater Staat gegangen", sagt Stroiwas. Wiederholen wollen die Bremer das Projekt auf keinen Fall. "Wir halten das im Nachhinein für eine schlechte Message. Man muss aufpassen, dass man nicht der Politik das Zeichen gibt 'Wo sich der Staat zurückzieht, springen die Studenten ein'", sagt Stroiwas. Darum findet er es auch "schwierig", dass der Kalender Nachahmer gefunden hat.
"Absolut jugendfrei"
Dazu zählt beispielsweise die Bamberger Hochschulgruppe "Feki". Sie wollte mit ihrem Aktkalender der Bamberger Uni ein paar Euros zukommen lassen. Die hat dankend abgelehnt. "Es hieß, dass sie sich nicht an der Kommerzialisierung des nackten Körpers beteiligen wollen", sagt Birgit Limberger von Feki, die noch immer etwas erstaunt darüber klingt. Trotzdem ist sie mit der Aktion zufrieden: "Wir denken schon, dass es uns gelungen ist, auf Bildungsmissstände hinzuweisen. Dass der Kalender in den Medien so hohe Wellen schlägt, hätten wir nicht gedacht." Mit den Einnahmen will die Gruppe jetzt eine Vortragsreihe für Studenten organisieren. Einen zweiten Kalender soll es aber auch in Bamberg nicht geben. "Das war von vornherein als einmalige Geschichte geplant", sagt Limberger.
Zwei, die weitermachen, sind Sonja Hünecken und Michael Inselmann. Die beiden Fotografen des Bremer Semesterkalenders sind dieses Jahr auf die Sportstudenten der Uni Kiel zugegangen. Die wollen jetzt von den Einnahmen durch ihren Kalender einen Dozenten einstellen, sagt Inselmann. Dann könnten sie ihr Studium schneller abschließen.
"Studenten müssen sich teilweise sieben, acht Semester lang bewerben, bevor sie einen Platz in einem Pflichtkurs bekommen. Vor allem im Sportpraxisbereich ist das ein Problem", sagt Torben Krüger von der Fachschaft Sport der Uni Kiel. Bislang sind schon 85 Prozent der Kalender verkauft. Sobald klar ist, wie viel Geld zusammen gekommen ist, wollen die Studenten eine Stelle für eine wissenschaftliche Hilfskraft ausschreiben. Und wie sieht das die Uni? "Ich begrüße es sehr, dass die Studierenden für die Qualität ihres Studiums auch selber Verantwortung übernehmen und sich für eine Verbesserung der Studienbedingungen einsetzen", sagt Jörn Eckert, Rektor der Uni Kiel. "Allerdings bin ich etwas überrascht, da ich von den Studierenden bisher nicht auf die bemängelten Defizite im Studienablauf hingewiesen wurde. Das wäre an sich der erste Schritt, wenn man Probleme abstellen will."
Wiederholen wollen die Studenten die Aktion nicht. "Wir wollten die Misstände an die Öffentlichkeit bringen und zeigen, dass wir selbst etwas gegen die Probleme tun. Das ist uns sicher gelungen. Aber es ist dadurch kein Erdrutsch passiert. Wir werden deswegen nicht stärker unterstützt", sagt Krüger.
Während in Kiel der Kalender-Verkauf noch weitergeht, denken die beiden Fotografen Hünecken und Inselmann schon ans kommende Jahr. Für den nächsten Akt-Kalender suchen sie noch eine Hochschule - und einen Grund, warum sich deren Studenten ausziehen sollen. Schließlich soll das Ganze ja irgendwie auch noch was mit Bildungspolitik zu tun haben. Tinas Aktion, die vor allem für sich selbst Geld sammelt, findet Michael Inselmann aber nicht verwerflich. "Man kann niemandem etwas Böses wünschen, der versucht, sich sein Studium zu finanzieren", meint Inselmann.
Bis jetzt dürfte Tina noch nicht weit kommen. Es läuft gerade die erste Runde. Sobald 2000 Euro auf ihrem Konto eingegangen sind, will sie freizügigere Fotos von sich zeigen. Fünf Runden hat sie vorgesehen, aber die Bilder seien "absolut jugendfrei", versichert Tina auf ihrer Webseite und verspricht gleichzeitig, in den späteren Runden, "weniger Textil und mehr Haut, bis zur völligen Textillosigkeit" zu zeigen.
"Wenn wirklich viel Geld herauskommt, würde ich auch etwas an Initiativen zahlen, die gegen Studiengebühren vorgehen", sagt Tina. Im Moment beläuft sich der aktuelle Kontostand auf ihrer Webseite auf 570 Euro.
(sueddeutsche.de)
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