Stress im Büro "Multitasking vergeudet Zeit"

Alles andere als effizient: Der ständige Wechsel zwischen Arbeitsgängen macht fahrig und kostet Geld - sagt Buchautorin Beate Schneider.

Von Interview: Juliane Lutz

Einen Bericht schreiben und nebenbei Mails abrufen, telefonieren und gleichzeitig lesen - kein Problem. Neue Kommunikationsmittel und immer mehr Hektik in der Arbeitswelt erfordern die Fähigkeit zum Multitasking. Wie negativ sich die Gewohnheit, mehrere Dinge zugleich zu tun, auswirken kann, weiß Beate Schneider, Beraterin in München und Autorin des Buchs "Die Multitaskingfalle" (Orell Fuessli-Verlag).

SZ: Fast jeder preist heute die Fähigkeit des Multitaskings. Sie dagegen halten es für kontraproduktiv.

Schneider: Es ist nicht möglich, einerseits hochwertige Arbeit abzuliefern und andererseits ständig mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Ein Beispiel: Würde ich während unseres Gesprächs noch nebenbei eine Frage meines Sohnes beantworten, würde es eine Weile dauern, bis ich wieder ganz bei Ihnen wäre. Das würde die Qualität des Interviews stören.

SZ: Im Job muss man aber nicht dauernd hochkonzentriert sein. Es gibt immer Situationen, in denen man zwei Dinge problemlos zur selben Zeit tun kann.

Schneider: Das glauben wir nur. Gerade an Mails kann man gut ablesen, ob der Verfasser beim Schreiben abgelenkt war, weil zum Beispiel noch jemand im Zimmer war. Wenn ich nur eine Sache mache, kann ich mich ihr mit meinem ganzen Potential widmen. Dagegen führt die vermeintliche Fähigkeit zum Multitasking nur dazu, dass wir uns ständig unterbrechen lassen. Und das wird teuer.

SZ: Inwiefern?

Schneider: Die amerikanische Beratungsfirma Basex hat 1000 Manager zu ihren Arbeitsgewohnheiten befragt. Dabei kam heraus, dass ein Drittel ihrer Arbeitszeit durch Unterbrechungen verlorenging. Hochgerechnet wurden 28 Milliarden Arbeitsstunden vergeudet. Dadurch entsteht ein enormer wirtschaftlicher Schaden. Außerdem ist jemand, der ständig zwischen neuen Situationen hin- und herwechselt, nervlich angespannter als jemand, der sich intensiv nur einer Aufgabe widmen kann. Diese dauernde Anspannung führt zu einem höheren Risiko für Herzinfarkte oder Depressionen.

SZ: Es heißt, Frauen hätten ein Talent dazu, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen. Wirkt sich der Zwang zum Multitasking auf Männer noch negativer aus?

Schneider: Im Gegenteil. Vielleicht haben Frauen ein größeres Blickfeld als Männer, doch auch ihnen gelingt Multitasking nicht wirklich. Ich kann nicht gleichzeitig lektorieren und recherchieren. Aber weil das von Frauen erwartet wird, setzt sie das unter Druck, weil sie glauben, diese Anforderung erfüllen zu müssen. Dagegen sollten sich Frauen im Job wehren. Und ich beobachte, dass es durchaus akzeptiert wird, wenn man sagt: Ich möchte mich jetzt wirklich nur auf diese eine Sache konzentrieren.

SZ: Wie wirkt es sich auf unser Leben aus, wenn der Beruf ein ständiges Aufmerksamkeitshopping von uns fordert?

Schneider: Wir können irgendwann nicht mehr anders, auch im Privatleben. Es führt dazu, dass wir Situationen nicht mehr wahrnehmen und genießen. Multitasking bringt uns um tiefe Emotionen und raubt uns ein Stück Lebensqualität.