Stress am Arbeitsplatz Zwei Millionen Deutsche dopen

Leistungsdruck, Stress, Müdigkeit: Um im Job mithalten zu können, haben zwei Millionen deutsche Beschäftigte schon einmal leistungssteigernde Pillen genommen, so das Ergebnis einer aktuellen Studie.

Permanenter Leistungsdruck, Stress, Müdigkeit, dazu das Gefühl, nicht mehr mithalten oder den eigenen Ansprüchen gerecht werden zu können: Immer mehr Deutsche behelfen sich mit verschreibungspflichtigen Medikamenten, um mit Belastungen im Beruf fertig zu werden. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der Krankenversicherung DAK.

Demnach bestätigt jeder 20. Arbeitnehmer, als Gesunder schon einmal mit aufputschenden, konzentrationssteigernden oder beruhigenden Arzneien nachgeholfen zu haben. Dies sind immerhin gut zwei Millionen Beschäftigte in Deutschland. Die Hälfte davon - bis zu 800.000 Menschen - nehmen regelmäßig und sehr gezielt diese Medikamente als Doping ein.

So nehmen vier von zehn "Dopern" die Medikamente täglich bis mehrmals wöchentlich. Etwa jeder Fünfte nennt als Bezugsquelle Kollegen, Freunde und die Familie und mehr als jeder Zehnte den Versandhandel. Für die repräsentative Studie befragte die DAK rund 3000 Arbeitnehmern im Alter von 20 bis 50 Jahren.

Darüber hinaus zeigt die Studie auch, dass sowohl das Wissen über leistungssteigernde Substanzen als auch ihre Akzeptanz in der Bevölkerung steigen: Vier von zehn Beschäftigten wissen, dass Medikamente gegen alters- und krankheitsbedingte Gedächtnisstörungen oder Depressionen auch bei Gesunden wirken können. Knapp 20 Prozent der Befragten akzeptieren Stimmungsaufheller, um beruflichen Stress und Konflikte am Arbeitsplatz besser auszuhalten. Zwei von zehn Befragten meinen, dass die Risiken dieser Arzneimittel im Vergleich zum Nutzen vertretbar sind. Nahezu genau so viele, etwa 18,5 Prozent, kennen mindestens eine Person, die leistungssteigernde oder stimmungsaufhellende Medikamente ohne medizinische Erfordernis eingenommen hat.

Männer steigern Leistung, Frauen beruhigen sich

Die Untersuchung zeigt Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Demnach neigen Männer eher zu aufputschenden und konzentrationsfördernden Präparaten, Frauen bevorzugen beruhigende Mittel gegen depressive Verstimmungen oder Ängste. "Männer frisieren ihr Leistungspotenzial - Frauen polieren ihre Stimmungen auf", sagt Frank Meiners, Psychologe bei der DAK.

Die Krankenkasse analysierte neben der Befragung auch die Arzneimitteldaten von Antidepressiva, Mitteln gegen Demenz und ADHS sowie Betablockern. Dabei untersuchte sie, inwieweit die Mittel abweichend von ihrer Zulassung verordnet werden. Die Ergebnisse dieser Analyse geben indirekte Hinweise auf einen möglichen Medikamentenmissbrauch.

Therapien ohne Diagnose

Am Auffälligsten war dabei die nicht bestimmungsgemäße Verordnung des Wirkstoffes Piracetam. Dieses Mittel ist unter anderem zur Behandlung von hirnorganisch bedingten Leistungsstörungen wie beispielsweise Demenz zugelassen. Lediglich 2,7 Prozent der DAK-Versicherten, denen Piracetam verordnet wurde, weisen diese Diagnose auf. 83 Prozent der Berufstätigen bekamen dieses Mittel bei anderen zulassungsüberschreitenden Diagnosen verordnet. Bei knapp 15 Prozent der Versicherten erfolgte die Piracetam-Verordnung ganz ohne Diagnose.

Auch bei dem Wirkstoff Methylphenidat, der vorrangig zur Behandlung des "Zappelphilipp-Syndroms" (ADHS) und auch zur Konzentrationssteigerung eingesetzt wird, ergab der Abgleich von Verordnungs- und Diagnosedaten Auffälligkeiten: Für mehr als ein Viertel der erwerbstätigen Versicherten erfolgte die verordnete Therapie mit Methylphenidat ohne dokumentierte oder nicht bestimmungsgemäße Erkrankung.

Ein ähnliches Ergebnis zeigt sich bei den Wirkstoffen Modafinil sowie Fluoxetin, die in Antidepressiva verwendet werden. Auch bei dem Betablocker Metoprolol zeigte jeder zehnte Versicherte keine der bestimmungsgemäßen Diagnosen wie Bluthochdruck, Herzinsuffizienz sowie Migräne.