Was die Bloggerszene um Thorsten zur Jacobsmühlen für Deutschland prophezeit, ist in den USA schon gang und gäbe: Das Unternehmen Jobvite beschäftigt sich mit der Nutzung sozialer Netzwerke für die Personalsuche und hat eine Umfrage zum Thema gemacht. Demnach gaben 95 Prozent der befragten Firmen an, Online-Netzwerke für ihr Recruiting zu nutzen, fast 50 Prozent der Firmen suchten auch über Twitter nach einem geeigneten Kandidaten. 70 Prozent gaben an, dass ihre Suche erfolgreich war. "In Deutschland kommen die Unternehmen nur sehr langsam aus dem Quark", sagt zur Jacobsmühlen. Aber einfach mal ein Stellenangebot zu twittern, reiche nicht. "Wer erfolgreich bei Twitter einen Kandidaten suchen möchte, der muss kontinuierlich an seinem Twitter-Netzwerk arbeiten."

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Kein inszenierter Dialog

Das kann auch nach hinten losgehen: Die Postings von DBINGa und DBINGo bei Twitter klängen wie öde Pressemitteilungen, schimpft ein Blogger. "Für wie blöd haltet ihr die Tweeple eigentlich?" Ein anderer postet: "Liebe Bahn, Social Media heißt nicht, dass ihr einen Dialog inszenieren sollt. Social Media heißt vor allem, erst mal zuhören und den Dialog suchen." Ullah räumt ein: "Es gibt kein Rezept, wie man authentisch twittert. Und gerade bei fiktiven Charakteren ist das häufig auch eine Frage des Geschmacks."

Beim Twittern und dem Anlegen eines Facebook-Profils geht es den Unternehmen nicht nur um die Kandidatensuche: "Online Employer Branding", der gezielte Aufbau einer attraktiven Arbeitgebermarke, heißt das in Fachkreisen, was man wohl gemeinhin unter einer Imagepolitur versteht. Mit dem Einsatz von Twitter, Facebook, Videoblogs oder auch durch interaktive Firmenrundgänge auf der Homepage gibt sich das Unternehmen einen modernen Anstrich: Gerade Branchen mit Image- oder Nachwuchsproblemen hoffen, auf diese Weise Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Nicht jeder der sucht, findet

Dass sich diese Art des Recruitings ("Recruitainment") auch bei kleineren und mittleren Unternehmen durchsetzen wird, glaubt Jutta Rump, Professorin an der Fachhochschule für Wirtschaft in Ludwigshafen, nicht. Es fehle schlichtweg das Geld. "Ein Stahlproduzent aus dem Ruhrgebiet wird nicht über Twitter einen Bewerber suchen", sagt sie. "Solche Firmen werden auch weiter den traditionellen Weg gehen", also über Stellenanzeigen, in Jobbörsen oder persönliche Kontakte neue Mitarbeiter suchen. Daher rät Rump auch den Bewerbern, bei traditionellen Firmen - selbst wenn sie einen Twitter-Account haben sollten - ganz konservativ über die Firmenadresse Kontakt zur Personalabteilung aufzunehmen. Letztlich sei diese Art der Kandidaten- und Jobsuche nur sinnvoll, wenn die Branche Twitter aktiv nutze, sagt Rump. Dies seien bisher vorrangig Freiberufler, Kreative, PR-Berater oder an Technik interessierte Arbeitnehmer.

Zwar steigerte Twitter seine Userzahlen im letzten Jahr um enorme 1400 Prozent, aber immer noch kennt ein Drittel der Deutschen Twitter nicht. Natürlich müsse man als Firma analysieren, ob es sich lohnt, in ein Online-Netzwerk zu investieren, sagt auch Thorsten zur Jacobsmühlen. "Einen Vertriebsmitarbeiter findet man eher nicht bei Twitter, aber vielleicht stößt man auf jemanden, der jemanden mit diesem Profil kennt."

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(SZ vom 23.01.2010/holz)