Von Harald Freiberger

Wer von der Ökonomisierung der Gesellschaft spricht, liegt falsch. Viel tiefgreifender ist die Okayisierung der Gesellschaft. Egal, wo man sich aufhält, immer findet sich jemand, der gerade "Okay" sagt.

Jetzt hat es also auch die Finanzbranche erwischt. Dialog am Bankschalter: "Ich würde gerne Geld bei Ihnen anlegen." "Okay." "Am liebsten Festgeld." "Okaay." "So ein Jahr Laufzeit." "Okaaay."

Daumen, dpa

Daumen hoch: Einverstanden, alles in Ordnung, genauso machen wir es. (© Foto: dpa)

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Man spricht immer von der Ökonomisierung der Gesellschaft, viel tiefgreifender und umwälzender aber ist die Okayisierung der Gesellschaft. Egal, wo man sich aufhält, immer findet sich jemand, der gerade "Okay" sagt, und zwar nicht dieses kurze "Okay", das man von früher kennt, sondern dieses auf der zweiten Silbe langgezogene "Okay", das immer länger wird, je häufiger der Anwender es benutzt.

Typischer Dialog im Alltag: "Du, ich glaub, ich geh heut' noch einkaufen." "Okay." "Ich nehm' Brot und Käse mit." "Okaay." "Und für morgen zum Frühstück Müsli." "Okaaay."

Zunächst klang es originell

Es gibt ernstzunehmende etymologische Studien, die sagen, "Okay" stamme eigentlich aus Deutschland. Deutsche Auswanderer, die sich in Amerika als Buchdrucker verdingten, schrieben an den Rand eines Manuskripts immer "o.K.", wenn sie auf einer Seite keinen Fehler fanden. Das hieß "ohne Korrektur". Auf irgendwelchen Wegen hat diese Abkürzung nach Deutschland zurückgefunden, wo es seitdem amerikanisch ausgesprochen wird. Soweit okay. Wer es benutzte, signalisierte seinem Gegenüber: einverstanden, alles in Ordnung, genauso machen wir es.

So war das über Jahrzehnte, bis vor einiger Zeit irgend jemand damit anfing, die zweite Silbe zu dehnen. Das klang zunächst originell, und man horchte auf, weil man das Gefühl hatte, dass sich da jemand wirklich für einen interessiert. Und so benutzten im Laufe der Zeit immer mehr Menschen dieses langgezogene "Okaaay". Heute scheint es niemanden mehr zu geben, der es nicht benutzt.

Zum Beispiel am Arbeitsplatz: "Ich hab' mir gedacht, dass wir das hintere Kabel nach vorne hängen." "Okay." "Und das vordere vielleicht in die Mitte." "Okaay." "Und das mittlere Kabel könnte dann nach hinten." "Okaaay."

Ein leeres Wort zum Heucheln

Nun ist das Besondere an diesem neu verwendeten Wort aber, dass es nicht wie früher Einverständnis signalisiert, sondern alles Mögliche bedeuten kann. Im letzten Beispiel etwa darf sich der Arbeitnehmer nicht wundern, wenn sein Vorgesetzter nach drei langgezogenen "Okays" sagt, dass er am liebsten doch alle Kabel da lassen möchte, wo sie sind.

Das langgezogene "Okay" kann auch bedeuten: "Eigentlich interessiert es mich nicht die Bohne, was du mir da gerade erzählst, aber ich tu' mal so." Ganz schlimm wird es, wenn der Anwender das Wort unüberlegt gebraucht: "Mir geht's heute nicht gut." "Okaay."

Es ist, man muss es so deutlich sagen, in Deutschland seit langem kein leereres Wort entstanden als dieses langgezogene "Okay", das Einverständnis nur heuchelt. Man sehnt sich nach Menschen, die einem wirklich widersprechen. "Du, ich glaub', ich geh' einkaufen." "Muss das sein?" "Okay, wenn du meinst."

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(SZ vom 26.3.2008/bön)