500 Euro pro Semester wird das Studium in vielen Bundesländern bald kosten. Woher sollen Studierende das Geld nehmen? Eine beispielhafte Rechnung.
Die folgenden Seiten handeln von einem Versuch, dem Versuch zu sparen. Die Ausgangssituation: Er, ein fiktiver und überaus durchschnittlicher Student, muss künftig Studiengebühren zahlen: 500 Euro pro Semester. Aber wovon? Mehr arbeiten will er auf keinen Fall und trotzdem die schönen Seiten des Lebens so bescheiden wie bisher genießen. Bierchen auf Uni-Partys, 50-Cent-China-Instant-Suppen und "Ultra Extra Strong"-Haargel müssen drin sein. Doch wo soll er dann anfangen mit dem Sparen?
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GEZ-Gebühren
Ein Blick auf die monatlichen Ausgaben zeigt: 17,03 Euro für das bisschen "Harald Schmidt" und die vielen Volksmusikereien an GEZ-Gebühren zu berappen, ist definitv zu viel des Guten. Doch von den Gebühren befreit wird nur, wer Bafög-Empfänger oder "Härtefall" ist.
Ersteres ist unser Student nicht, letzteres bislang nur nach eigener Ansicht. Immerhin hat die Gebühreneinzugszentrale vergangenes Jahr bei mehr als 3.492.342 Hörfunkgeräten und 3.151.444 Fernsehgeräten ein Auge zugedrückt und die Besitzer von den Gebühren befreit. Ein Antrag wird gestellt - online natürlich. Unser Student rechnet mit gutwilligen Beamten, ansonsten wird er den Fernseher eben in den Keller stellen. Er spart also schon mal 17,03 Euro, die er seit Jahren pflichtbewusst zahlt.
Telefon-Sozialtarif
Von Freunden wird an ihn herangetragen, dass die Deutsche Telekom bedürftigen Studenten gerne unter die Arme greift und eine Gutschrift für Gesprächsguthaben von 6,94 Euro pro Monat ermöglicht. Hört sich sehr großzügig an, dieses Angebot vom magentafarbenen Kommunikationsriesen. Eine der Bedingungen ist aber, dass der "Sozialtarif"-Nehmer keine Call-by-Call-Nummern wählt.
Mit einem kurzen Blick auf einen Online-Telefongebührenrechner ( beispielsweise hier) kann er da deutlich mehr sparen. Durch die richtige Vorwahl zur richtigen Zeit zahlt er in diesem Monat nur noch etwas mehr als die Hälfte fürs Telefonieren - statt 63, nur noch 36,60 Euro. Aktueller Sparstand: 43,43 Euro.
Verhütungsmittel
In bester Sparlaune beschließt er selbst in intimsten Sphären nach günstigeren Alternativen zu forschen. In manchen Städten werden sogar dann die Kosten für Verhütungsmittel übernommen, wenn man älter als 21 Jahre ist. Niedriges Einkommen natürlich vorausgesetzt.
Seine Freundin zahlt für ihre Pille derzeit 56 Euro für drei Monate, das heißt 18,67 Euro pro Monat - doch das soll sich jetzt ändern. Wieder füllen flinke Hände einen Antrag aus. Leider muss von jetzt an der Sozialmedizinische Dienst jedes Pillenrezept abstempeln, bevor die Freundin unseres armen Studenten damit zur Apotheke eilen kann.
Die billigere Alternative wäre, kostenlose Kondome bei Beratungsstellen abzustauben. Ist aber auch aufwendig auf die Dauer. Geiz mag geil sein, manchmal aber auch anstrengend. Unser kulminierter Spar-Betrag: 62 Euro und 10 Cent. Immerhin.
Semesterticket
Unser armer Student könnte sich jetzt sogar schon vorstellen, auf die Fahrten mit Bus- und U-Bahn zu verzichten. All die bestens gelaunten Raiffeisenbank-Angestellten mit den Mickey Mouse-Krawatten, die ihm jeden Morgen - "Ach, ich hab Sie gar nicht gesehen!" - ihre Aktentaschen in den Bauch rammen, all die alten Damen, die sein höfliches Platzangebot mit einem unwirschen "Seh' ich etwa schon so alt aus?!" quittieren - er wird sie sicher nicht vermissen. Aber wärmer ist es schon im öffentlichen Nahverkehrsmittel. Wärmer jedenfalls, als auf dem Fahrrad bei frühwinterlichen 5 Grad zur Uni zu radeln. Dafür spart er aber sage und schreibe 90 Euro für das Semester-Ticket, also 15 Euro pro Monat: 77,10 Euro Zwischenstand.
Wohnen
260 Euro zahlt unser Student für sein geräumiges WG-Zimmer in bester Lage. Eine WG mit Waschmaschine und Trockner wohlgemerkt. Damit liegt aber seine Miete 10 Euro über dem deutschlandweiten Schnitt - obwohl er nicht einmal die teuerste Wohnform, nämlich das Alleinewohnen, gewählt hat. Trotz des unangenehmen Mitbewohners. Ein Tapetenwechsel kann trotz allem nichts schaden.
Über einen guten Freund kann er zur Zwischenmiete im Studentenwohnheim unterkommen - der mit Abstand günstigsten Unterkunft für Studierende. Nur noch 170 Euro muss er für seine neue Bleibe zahlen - den Mitbewohner gerne, Trockner und Waschmaschine eher ungern hinter sich lassend. Alle zwei Wochen hat er jetzt Putzdienst, seine Freundin klagt über die dünnen Wände. Aber er spart - ganze 90 Euro im Monat.
Zigaretten
Für unseren armen Studenten, der nun friert, putzt und nach günstigen Telefonvorwahlen recherchiert, der sich Verhütungsmittel und TV-Konsum subventionieren lässt, geht es jetzt ans Eingemachte: die geliebte Zigarette.
Er will sich, ja er muss sich, aus der Gemeinschaft der weltweiten 1,1 Milliarden Rauchern verabschieden. Der Studiengebühren wegen. Also keine mehr vor dem Frühstück, nach dem Frühstück, vor der ersten Vorlesung, nach der ersten Vorlesung...
Nach zittrigen ersten Wochen kann er auf die eineinhalb Schachteln am Tag verzichten. Spart die 157,50 Euro, die er jeden Monat in Nikotin investiert hat. Kauft sich stattdessen für 30 Euro Schokolade. Spart aber trotzdem: 127,50 Euro.
Reicht's, armer Student?
Sechs mal gespart und schon sind ganze 294 Euro und 60 Cent übrig. Rechnet man das aufs Semester hoch, kommt man auf den beeindruckenden Gesamtbetrag von 1767,60 Euro. Davon lassen sich nicht nur die 500 Euro Studiengebühren bezahlen, sogar ein "Bildungsurlaub" wäre noch drin.
Doch was für den armen Durchschnittsstudenten in der Theorie funktioniert hat, taugt für die Masse kaum. Es sei denn, alle Studierende können sofort ins Wohnheim ziehen. Übrig bleiben auch alle radfahrenden Nichtraucher, die dauerhaft ohne Sex und Fernsehen leben. Es sei denn, man eröffnet für sie eine neue Beispielrechnung.
(sueddeutsche.de)
Umweltstiftung WWF in der Kritik