Soziologin Jutta Allmendinger "Quotenfrau sein ist hart"

Jutta Allmendinger ist eine der führenden Soziologinnen Deutschlands - und Mutter eines 16-jährigen Sohnes. Im Interview spricht sie über das Dilemma arbeitender Frauen.

Interview: Bettina Wündrich

Jutta Allmendinger wurde am 26. September 1956 in Mannheim geboren. Sie studierte unter anderem in Wisconsin und Harvard. Nicht nur hat sie als Wissenschaftlerin einen exzellenten Ruf, sie gilt laut taz auch als eine der streitbarsten deutsche Soziologinnen. Sie selbst ist Mutter eines sechzehnjährigen Sohnes, hat aber ihre Karriere nie nennenswert unterbrochen. Allmendinger bezeichnet sich selbst flapsig als "Quotenfrau"; seit April 2007 ist sie die erste Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), davor war sie Direktorin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Derzeit arbeitet sie auch als Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Humboldt-Universität in Berlin. Allmendinger ist Autorin zahlreicher Bücher, gerade ist von ihr Verschenkte Potentiale? Lebensverläufe nicht erwerbstätiger Frauen bei Campus erschienen, am 10. Oktober wird sie es auf der Frankfurter Buchmesse vorstellen.

"Wir setzen Anwesenheit noch mit Leistung gleich. Davon müssen wir weg", sagt Soziologin Jutta Allmendinger.

(Foto: dpa)

Im Interview mit der SZ spricht Jutta Allmendinger über...

... Anwesenheitspflicht im Büro: Das sind überholte Muster. Klar muss es Arbeitsbesprechungen geben. Aber die können auch am Vormittag stattfinden. Eine Anwesenheitskultur ist nicht produktiv und schadet insbesondere jungen Müttern. Also: Ihr frisch gebackener Abteilungsleiter sollte loslassen können, klare Strukturen und Aufgaben vorgeben und dann auf "Self Managing Teams" setzen. Die Hierarchien von früher tragen nicht mehr. Andere Arbeitsstrukturen führen zu besseren Ergebnissen und einer besseren Arbeitskultur. In meinem engen Arbeitsumfeld arbeiten Männer und Frauen, viele von ihnen mit Kindern, es gibt ganz unterschiedliche Arbeitszeiten. Ich möchte mir die gar nicht alle merken müssen. Dieses Team umfasst mittlerweile mehr als zehn Menschen, die sich weitgehend selbst organisieren. Die Aufgaben sind klar, trotz einiger Überschneidungen. Sie haben ihre Agenda, ihre eigenen wöchentlichen Arbeitstreffen, bei denen ich gar nicht dabei bin.

... über das Dilemma der Kinderbetreuung, mit dem sich berufstätige Paare konfrontiert sehen: Wir dürfen die Erziehung von Kindern aber auch nicht individualisieren und vom Geldbeutel der einzelnen Paare abhängig machen. Bei der Altersversorgung tun wir dies ja auch nicht, da zahlen alle Erwerbstätigen kollektiv für die Renten. Wir brauchen also gut ausgebaute und hochwertige Erziehungsmöglichkeiten. Ganztagskindergärten, die während der Randzeiten flexibel sind. Verlässliche Ganztagsschulen. Wir müssen hier sehr schnell sehr viel tun und die Kommunen beim Ausbau der Betreuung unterstützen.Wenn wir das, was ich aufgeführt habe, geschafft haben, werden sich die Arbeitszeiten von Müttern und Vätern angleichen. Im Moment ist das Gegenteil der Fall: Frauen arbeiten nach der Geburt von Kindern wesentlich kürzer, Männer dagegen wesentlich länger als zuvor. Und wir müssen über die Arbeitszeiten an sich nachdenken. Was bei uns Teilzeit ist, ist in den skandinavischen Ländern ja schon fast Vollzeit.

... über berufstätige Mütter: Viele Mütter kennen die bösen Blicke ihrer Kollegen, wenn sie früher gehen und die bösen Worte, wenn sie später gehen. Dann werden sie ganz schnell als Rabenmütter abgestempelt. Wir haben hier gleich mehrere Probleme. Teilzeitarbeit ist reine Mütterarbeit. Wenn mehr Väter in Teilzeit erwerbstätig wären, würden auch die bösen Blicke weniger. Weiterhin setzen wir Anwesenheit noch immer mit Leistung gleich. Wir müssen weg von Anwesenheitskulturen und brauchen die entsprechenden Strukturen. Außerdem müssen Arbeit und Familie stärker zusammenrücken. Im Moment nehmen wir die Arbeit mit nach Hause, die Familie aber nie mit zur Arbeit.

... darüber, wie sie mit Schwangerschaften in ihrem Team umgeht: Ich versuche, das Thema Familiengründung schon sehr frühzeitig, also lange vor Eintritt einer Schwangerschaft, anzusprechen. Ich möchte den jungen Frauen die Botschaft senden: Das mit der Vereinbarkeit klappt, und wir tragen das mit. Wenn Frauen und Männer dann Kinder haben, bitte ich sehr darum, den Kontakt zu halten, mit den Kindern ins Büro zu kommen, auf Konferenzen zu gehen. Es gibt am WZB ein Eltern-Kind-Zimmer zum Arbeiten und Kinderbetreuung bei Konferenzen. Wenn der Kontakt ganz abreißt, bekomme ich diese Mitarbeiter selten wieder zurück.

... über Gehaltsrückstand von Frauen gegenüber Männern: Es wäre ungerecht, Frauen das vorzuwerfen. Wir haben doch viel zu wenig Transparenz, was genau ein Job überhaupt einbringt. Dies gilt insbesondere für leitende Positionen, die neben dem Grundgehalt hohe leistungsbezogene Anteile haben. Da das Thema Geld tabuisiert ist, kann man das auch nicht einfach von Kollegen erfragen. Zumal Frauen da ja Männer fragen müssten, da wir außerordentlich wenige Frauen in Führungspositionen haben.

... über das negative Image der Quotenfrau: Da müssen sich Frauen einen Ruck geben. Quotenfrau zu sein, heißt doch nicht, dass die Leistung nicht da ist. Im Gegenteil: Nur Frauen, die Leistung bringen, können zu Quotenfrauen werden. Und die Gesellschaft wird erst dann feststellen, wie gut Frauen sind, wenn sie in den entsprechenden Positionen sichtbar werden. Ich bin oft in meinem Leben Quotenfrau gewesen. Und kann Ihnen verraten: Die Integrationsphase ist hart. Da steht man schon oft alleine rum in der Mittagspause, wird bei Gesprächen übergangen, hat nicht die gleiche Informationsgrundlage. Aber da müssen wir durch. Nach einigen Sitzungen hat sich das immer gegeben.

... über die neue Generation junger Frauen: Noch nie gab es so viele gut ausgebildete und selbstbewusste Frauen. Während ihrer gesamten Ausbildung haben sie erlebt: Wir sind besser als die Jungs. Jetzt treffen sie auf den Arbeitsmarkt. Auch dieser hat sich sehr stark verändert. Typische Männerberufe nehmen ab, typische Frauenberufe nehmen zu. Bislang zeigt unsere Forschung: Die jungen Frauen sind sich treu geblieben und bleiben auf der Spur. Wir machen auch langsam Fortschritte in der Geschlechterfrage. Mittlerweile gibt es beispielsweise am WZB mehr Männer als Frauen in Elternzeit. Bei diesem Thema habe ich Grund, Mut zu schöpfen. In anderen Forschungsfeldern ist dies weniger der Fall. Der Abbau von Bildungsarmut beispielsweise gelingt uns nicht. Wie die Kinder aus Hartz-IV-Haushalten und Migrantenfamilien seit Jahren abgehängt werden etwa - das frustriert sehr.

Das komplette Interview mit Jutta Allmendinger lesen Sie in der Süddeutschen Zeitung vom 2. Oktober 2010.