Soziale Netzwerke Der Spion schläft

Chefs schnüffeln nicht: Wer sich für peinliche Partyfotos im Internet schämt, kann aufatmen. Personaler nutzen Netzwerke wie Xing und Facebook eher selten - zum eigenen Schaden.

Von Jutta Pilgram

Es ist noch nicht lange her, da wurden Bewerber vor Personalchefs gewarnt, die angeblich nichts Besseres zu tun hatten als von morgens bis abends nach verfänglichen Partyfotos und peinlichem Privatkram im Internet zu stöbern. "Personal Branding" wurde zum Trend ausgerufen - die digitale Stilisierung zum perfekten Kandidaten in sozialen Netzwerken wie Xing, Facebook, StudiVZ oder LinkedIn. Jetzt zeigt eine Studie, dass der Alarm übertrieben war. Denn bisher interessieren sich die wenigsten Personalexperten für soziale Netzwerke.

Mehr als 800 Personalverantwortliche aus unterschiedlichen Branchen hat die Beratungsfirma IFOK aus Bensheim bei Frankfurt gefragt, ob sie sogenannte Social-Media-Plattformen für ihre Arbeit nutzen und ob sie die Chancen und Risiken sehen, die solche Communities für ihr Unternehmen bergen. Das Ergebnis: Obwohl die Mehrheit der Befragten den Netzwerken ganz pauschal eine strategische Bedeutung für den Bereich Human Resources (HR) beimisst, gibt es in zwei von drei Unternehmen keine geregelte Zuständigkeit für das Thema. Nur 15 Prozent der Firmen haben Richtlinien für den Umgang mit Social Media. Auch im Bereich Weiterbildung spielt das Thema keine Rolle: Weniger als ein Zehntel der Befragten bietet Schulungen zum Umgang mit Social Media an.

"Das zeigt: Trotz der enorm wachsenden Bedeutung sozialer Netzwerke haben sich deutsche Personalexperten auf die neuen Formen der Kommunikation bisher kaum eingestellt", sagt Arne Klempert von IFOK. "Social Media bietet ein immenses Potential für die Personalarbeit - das Personaler bislang jedoch nur begrenzt nutzen." Immerhin sind laut einer aktuellen Studie der amerikanischen Marktforschungsfirma Comscore weltweit zwei Drittel aller Internetnutzer in sozialen Communities unterwegs.

Ungenutzte Möglichkeit

Dennoch werden Social Media kaum als Spiegel für das Unternehmen genutzt. Nicht einmal jeder vierte Personaler hat schon einmal von Beurteilungen auf einer Arbeitgeber-Bewertungsplattform Kenntnis genommen. Nur vier Prozent der Befragten beobachten systematisch, was über ihr Unternehmen - unter anderem von den eigenen Mitarbeitern - im Internet geschrieben wird. Die meisten nutzen diese Möglichkeit nie.

"Damit vergeben erstaunlich viele Unternehmen eine der größten Chancen, die digitale Gespräche bieten: erfahren, was und wie über das Unternehmen kommuniziert wird", so Klempert. Er empfiehlt Personalern, Social Media gezielt einzusetzen und ihre Mitarbeiter bei einer sinnvollen Anwendung zu unterstützen. Damit ließe sich "die Unternehmenskultur fördern, die Produktivität der Mitarbeitenden steigern, die Zusammenarbeit in und zwischen Organisationen verbessern - und die Talent-Pipeline füllen".

Keine Bikini-Bilder

Die Studie zeigt aber auch: Am ehesten nutzen Personaler noch klassische und etablierte Business-Netzwerke wie Xing oder LinkedIn. 80 Prozent der Befragten haben ihnen zumindest schon einmal einen Besuch abgestattet. 60 Prozent informieren sich auf einschlägigen Plattformen über potentielle Mitarbeiter - allerdings nur gelegentlich oder selten. Auf Partyfotos oder Bikini-Bilder stoßen sie dort ohnehin nicht.

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