Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz Wann der Arbeitgeber handeln muss

"Ob ein bewundernder Blick als erlaubte Anerkennung oder als sexuelle Herabwürdigung zu bewerten ist, entscheidet sich nicht nach der Intention des Betrachters. Maßgeblich ist vielmehr, ob die Aufmerksamkeiten objektiv betrachtet erwünscht oder unerwünscht waren", erklärt Oliver Kieferle, Fachanwalt für Arbeitsrecht aus München. Das heißt: "Spätestens, wenn ein unbeteiligter Beobachter erkennen konnte, dass ein bestimmtes Verhalten vom Adressaten als belästigend oder herabwürdigend empfunden wurde, ist der Arbeitgeber zum Handeln aufgerufen", sagt Kieferle.

So werteten verschiedene Gerichte denn auch diese Fälle: Das Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz hatte einen Fall zu entscheiden, in dem ein Kollege einer Auszubildenden per SMS folgende Nachricht sandte - "Hallo, du geiles Etwas, heute komme ich zu dir und dann bumsen wir eine Runde". Die Geschäftsleitung erfuhr von dem Vorfall und sprach umgehend eine fristlose Kündigung aus - zu Recht, wie das Gericht bestätigte (Az. 9 Sa 853/01).

Ebenso rechtfertigt die Aussage eines Mitarbeiters - "Frauen wie dich hatte ich schon Hunderte" - eine fristlose Entlassung (Arbeitsgericht Frankfurt, Az. 15 Ca, 847/03). Auch wer seiner Kollegin pornografische Fotos zeigt, um ihr dann anzubieten, "solche Bilder auch von ihr machen zu können", muss fristlos gehen (LAG Schleswig-Holstein, Az. 3 Sa 163/06). Wenn der Chef davon erfährt.

Wenn der Ansprechpartner der Täter ist

"Genau das ist häufig aber nicht der Fall", sagt ADS-Chefin Lüders. "Nicht alle Frauen haben genügend Selbstvertrauen, um sexuelle Belästigungen bei ihrem Chef, dem Betriebsrat oder einer Beschwerdestelle zu melden." Erfolgen die Übergriffe durch einen Vorgesetzten oder gar den Unternehmenschef ist die Sache noch komplizierter - häufig sei der Ansprechpartner dann auch der Täter. Frauen sollten dann Rat bei einer unabhängigen Stelle suchen.

In der Praxis aber resignieren viele Frauen oder entscheiden sich für eine weniger nervenaufreibende Lösung - beispielsweise, indem sie sich einen neuen Job suchen und ihr altes Arbeitsverhältnis kündigen. Dabei gäbe es, was das Juristische betrifft, auch andere Möglichkeiten, mit einer solchen Situation umzugehen.

"Wenn die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz vom Arbeitgeber selbst ausgeht oder dieser eine Belästigung durch einen anderen Mitarbeiter nicht unterbindet, können Beschäftigte im Einzelfall auch das Recht haben, den Dienst zu verweigern", sagt Anwalt Kieferle. "Bezahlen muss ihr Arbeitgeber sie trotzdem." Selbst wer, statt sich mit dem Chef anzulegen, lieber kündigt, kann nachträglich noch zu seinem Recht kommen. Kieferle erläutert: "Unter bestimmten Voraussetzungen kann der Arbeitgeber zum Schadenersatz verpflichtet sein - selbst wenn die betroffenen Mitarbeiter aus dessen Betrieb bereits ausgeschieden sind."