Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz Mächtige Männer halten sich für unwiderstehlich

Machtmenschen sind es gewohnt, dass ihre Wünsche erfüllt werden. Sie diktieren anderen die Agenda und bekommen dafür in der Regel Gehorsam und Zustimmung zurück. Zu viele Frauen haben ihnen auch bestätigt, dass sie die Insignien und Aura der Macht sowie deren finanzielle Begleiterscheinungen durchaus anziehend finden.

Beim "Slutwalk" in Berlin protestieren Frauen - und Männer - gegen Sexismus.

(Foto: dpa)

Mächtige Männer halten sich häufig für unwiderstehlich - muss es nicht jede Frau als Auszeichnung empfinden, von ihnen wahrgenommen, ja begehrt zu werden? Wer erinnert sich nicht an Dominique Strauss-Kahn, dem Entsetzen und Unverständnis ins Gesicht geschrieben stand, als man ihm die Vergewaltigung eines Zimmermädchens vorwarf?

Sexuelle Belästigung ist immer auch ein Instrument, Machtverhältnisse zu demonstrieren oder herzustellen. Wer eine Mitarbeiterin wie ein Playboy-Bunny behandelt, hält sie klein.

Programmierte Missverständnisse

Es gibt viele Männer, das sei hier ausdrücklich gesagt, die sich nicht so verhalten. Manche sind genauso angewidert, wenn Frauen belästigt werden, wie die Frauen selbst. Und wahr ist natürlich auch: Wo erwachsene Menschen zusammentreffen, kann erotische Spannung entstehen, oft befeuert von beiden Seiten, oft auch nur in eine Richtung. Je enger der Kontakt, je intimer die Situation, umso wahrscheinlicher der hormonelle Funkenflug. Da kann es zu Missverständnissen kommen.

Häufig entstehen sie in Umfeldern, in denen Männer den professionellen Umgang mit Frauen (noch) nicht gewohnt sind. In vielen Militärs hat man sich lange gegen den Einzug der Frauen in die Truppe gewehrt. Nicht unbedingt, weil man ihnen weniger zugetraut hatte als den Männern, sondern weil man den Männern den Umgang mit den Frauen nicht zugetraut hatte. Für US-Soldatinnen sei das Risiko deutlich höher, von ihren Kameraden sexuell attackiert, als vom Feind verwundet zu werden, schrieb die New York Times gerade.

Auch in Vorstands- oder anderen Leitungsrunden müssen sich Männer erst darauf einstellen, dass man mit Frauen am Tisch manche Wortmeldung und etwaige Abendprogramme anders gestalten sollte. Das empfinden einige Männer durchaus als Verlust an Lebensqualität. Passen sich Frauen den kumpeligen Umgangsformen der Kollegen an, wird das hingegen oft falsch verstanden. Die Verunsicherung ist groß - auf beiden Seiten.

Missverständnisse entstehen nicht zuletzt, wenn Status, Sozialisation und Lebenserfahrung von Mann und Frau weit auseinander liegen. Viele Vertreter der Generation, die dem Altherren-Witz den Namen gab, sind damit aufgewachsen, untereinander um den derbsten Brüller zu konkurrieren, Frauen dagegen mit Komplimenten zu überschütten. Was für den 65-Jährigen normales Balzverhalten ist, treibt die 25-Jährige direkt zur Gleichstellungsbeauftragten.

Männer können sich heute nicht mehr darauf verlassen, dass die Belästigte zum Schein mitspielt und die Klappe hält. Frauen gehen immer selbstbewusster gegen Übergriffe vor, sie erzählen ihre Erlebnisse im Internet und auf Twitter (aktuell unter dem Hashtag #Aufschrei), sie haben auch gesetzlich bessere Möglichkeiten, sich zu wehren.